Harald Martenstein Über das Kranksein

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Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 5/2019

Diese Kolumne möchte ich hiermit absagen. Ich bin krank. Ja, es ist schlimm. Nein, ich werde auch nicht mehr gesund. Seit vier Wochen habe ich diese Erkältung, in den Gliedern, im Kopf, in der Nase, und es wird immer schlimmer. Ich schmecke nichts mehr, vermutlich nicht mal, ob sich im Glas wirklich ein Châteauneuf-du-Pape befindet oder Meister Proper. Auch das Gehör ist praktisch weg. Nasensekret läuft inzwischen nicht mehr nur aus der Nase heraus, sondern auch aus den Augen und anderen Öffnungen. Fieber kommt und geht wie die Wellen am Strande. Was habe ich in diesem grauenhaften Zustand vom Leben noch zu erwarten? Soll ich meine letzten Stunden etwa mit dem Verfassen einer gesellschaftskritischen Kolumne verbringen? Houellebecq würde das vielleicht tun. Ich bin als Typ mehr wie Hemingway. Wem die Stunde schlägt: Schreibt das über den Nachruf.

Männer sind angeblich wehleidig. Ich kann das nicht wirklich beurteilen. Ich selbst jammere nur, wenn es mir wirklich sehr, sehr schlecht geht, und das ist ja nun leider meistens der Fall, genau gesagt seit vier Wochen. Gewiss, ich rede gern über meine Beschwerden. Menschen reden über das, was sie innerlich bewegt, so ist das nun mal. Die Frau sagt, ihr gehe das auf die Nerven. Ich solle endlich zum Arzt gehen. Ich gehe nicht zum Arzt, weil ich mir Sorgen mache, dass meine Familie mit der Diagnose nicht fertigwird, ich will bloß niemanden belasten. Und wenn der Arzt sagt: "Das ist bei Gott die schlimmste Erkältung, die ich jemals gesehen habe"? Was dann? Womöglich ist es längst schon eine Hirnhautentzündung, diese Komplikation kommt vor. Nein, diese Tragödie mache ich mit mir selber aus.

Was Krankheiten betrifft, habe ich eine eigene Heilmethode entwickelt, die sich seit Jahrzehnten bewährt hat. Ich tue einfach gar nichts, außer dass ich vielleicht hin und wieder klage. Nach meiner Erfahrung verschwinden zahlreiche Beschwerden, indem man abwartet und klagt. Ich hatte mal Schmerzen beim Gehen. Ich habe versucht, möglichst wenig zu gehen. Außerdem bin ich nach jedem Schritt stehen geblieben und habe laut "Verfluchtes Bein! Diese schrecklichen Schmerzen!" gerufen. Nach zwei Monaten war alles wieder gut. Als ich den rechten Arm nicht mehr bewegen konnte, weil das Gelenk irgendwie steif war, hatte diese Methode ebenfalls Erfolg.

Bewahren Sie vor allem Ruhe – dieses Verhalten gilt auch bei Hotelbränden als vernünftig und angemessen.

Mein alter Hund ist inzwischen leider vollkommen taub. Beim Silvesterfeuerwerk hat er sich nicht panisch unter der Treppe versteckt, wie sonst in den Silvesternächten, sondern er wollte im Garten schwanzwedelnd die herabstürzenden Feuerwerksraketen apportieren. Wenn andere Hunde ihn anknurren, läuft er freundlich auf sie zu. Wenn sie zu beißen versuchen, geht er gelassen weiter, mir ist, als ob er mit den Achseln zuckt. Auch mein Hund erträgt sein Defizit sehr tapfer.

Es scheint wissenschaftlich erwiesen zu sein, dass Erkältungen bei Männern doppelt so schwer verlaufen wie bei Frauen. Das Östrogen schadet irgendwie den Viren, während Testosteron das Immunsystem ausbremst. Die Natur will, dass schwache Männer an Erkältungen sterben und dass Frauen mit einer Erkältung sich weiter um die Kinder kümmern können. Die Natur weiß ja nichts von modernen Gesellschaftstheorien.

Die Frau behauptet, dass sie mein Gejammer nicht mehr hören kann. Aber der Einzige, der mein Gejammer wirklich nicht mehr hören kann, ist der Hund.

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