© Ina Niehoff

Konzentrationslager Auschwitz Ein Ausflug ins Grauen

74 Jahre nach der Befreiung ist das ehemalige Konzentrationslager Auschwitz zu einer Touristenattraktion geworden. Inzwischen kommen mehr als zwei Millionen Besucher pro Jahr. Herumgeführt werden sie von Guides, die moralisch klar sein sollen "wie Kristalle". Wie erleben diese Frauen und Männer den Massenansturm? Unsere Reporterin hat sie über Monate hinweg bei der Arbeit getroffen. Von
ZEITmagazin Nr. 5/2019

Die meisten weinen bei den Haaren. Auch Elżbieta Pasternak erinnert sich an den Schreck, den sie bekam, als sie sie zum ersten Mal sah, da war sie 13. Sie wollte nie an diesen Ort zurückkehren. Heute arbeitet sie hier. Die Menschen zum Weinen zu bringen sei nicht ihr Ziel, sagt sie. Sie muss sich um den Ablauf kümmern. Sind alle noch da? Hören alle zu?

Elżbieta Pasternak, 45 Jahre alt, genannt Ela, hat ihre Tasche gepackt: Halsbonbons, Wasser, Taschenlampe, das Handy. Und einen Regenschirm – nicht als Wegweiser, wirklich wegen des Wetters. Sie hat Kaffee getrunken und zwei belegte Brote gegessen. Zu einer Mittagspause komme sie selten, sagt sie. Ein gutes Frühstück sei deshalb das Wichtigste vor einer Schicht.

Die Linie 1 bringt sie von zu Hause zum Stammlager, der Parkplatz steht schon voller Busse. Ihr Job ist es, Auschwitz zu erklären, als einer von 328 Guides. "Guide", nicht "Führer", sagt man hier im Deutschen.

Elżbieta Pasternak, eine der Guides © Ina Niehoff

Elżbieta Pasternak meldet sich am Empfang. Ihre Gruppe ist noch nicht angekommen. Sie setzt sich auf eine Bank in der Eingangshalle und zieht ihren langen Wollmantel zu. Um sie herum Italiener im Fußballtrikot, eine Reisegruppe von den Philippinen. Die Menschen kommen aus der ganzen Welt nach Auschwitz. In den vergangenen zehn Jahren haben sich die Besucherzahlen fast verdoppelt, 2018 waren es 2,1 Millionen.

Man trifft hier Menschen, die am Tag zuvor zum ersten Mal von Auschwitz gehört haben. Wie die Touristengruppe aus Melbourne, die gerade in Krakau angekommen ist, etwa 60 Kilometer von Auschwitz entfernt. Sie wissen nicht, dass Polen von einer rechtskonservativen Partei regiert wird. Aber ihr Hotel hat ihnen ein Angebot gemacht: ein Tag in Auschwitz-Birkenau für umgerechnet 36 Euro, "im bequemen Van von Mercedes-Benz, inklusive Wi-Fi und Klimaanlage", so stand es im Prospekt.

Andere Gruppen, Schulklassen vor allem, sind besser vorbereitet, sie haben Referate gehalten und das Tagebuch der Anne Frank gelesen. Und dann gibt es noch deutsche Besucher, wie sie Elżbieta Pasternak führt. Sie sei froh, dass sie die deutschsprachigen Führungen mache, sagt sie. "Den Deutschen muss ich den Holocaust nicht erklären."

In einem der Souvenirshops in der Stadt Oświęcim © Ina Niehoff

Fast alle Besucher kommen nur einmal im Leben hierher. Fast alle Besucher buchen die kürzeste Tour: dreieinhalb Stunden. Was sie in dieser Zeit in Auschwitz sehen und hören, ist das, was ihnen in Erinnerung bleiben wird.

Elżbieta Pasternaks Gruppe ist da, 29 Menschen aus den verschiedensten Winkeln Deutschlands, von Studentinnen bis Rentnern ist alles darunter. Bevor sie das Gelände betreten, müssen sie sich einen gelben Aufkleber an die Brust heften. Jeder wird markiert, damit die Gruppen beieinander bleiben. Grün steht für Französisch, Orange für Englisch. In Auschwitz kann man Führungen in 20 Sprachen buchen, Audioguides gibt es keine.

"Hören Sie mich?", fragt Elżbieta Pasternak. Sie spricht in ein kleines Mikrofon, das um ihren Hals hängt. "An der Seite finden Sie ein Rädchen, mit diesem können Sie die Lautstärke regulieren." Seitdem die Stimmen der Guides über Kopfhörer zu den Besuchern dringen, soll es ein bisschen leiser geworden sein in Auschwitz, und niemand muss mehr schreien, um sich Gehör zu verschaffen.

Während sie mit ihrer Gruppe auf das berühmte Tor zusteuert, bittet Elżbieta Pasternak darum, auf dem Gelände nicht zu rauchen, nicht zu essen und nicht zu telefonieren. In diesem Moment zücken fast alle ihr Handy und knipsen sich vor dem Schriftzug "Arbeit macht frei". "Wir befinden uns nun auf dem Gelände des ehemaligen Stammlagers Auschwitz I. Es wurde 1940 gegründet", sagt Pasternak – womit ihre Führung offiziell beginnt.

Elżbieta Pasternak wurde in Oświęcim geboren, so hieß die polnische Stadt, in der sich das Lager befindet, vor dem Krieg, und so heißt sie seither wieder. In Krakau hat Pasternak Germanistik studiert. Sie liebt Thomas Bernhard. Deutschsprachige Literatur, sagt sie, sei dunkel, aber tief. Und natürlich habe sie beim Lesen oft diesen Geist gespürt, den Geist der Vergangenheit.

Sie erklärt, dass die Stadt von den Nazis wegen der guten Schienenanbindung als Standort für ein KZ ausgewählt wurde und weil hier schon eine polnische Kaserne stand. "Plötzlich hieß Oświęcim Auschwitz, der Marktplatz wurde nach Adolf Hitler benannt, die Menschen, die hier wohnten, wurden zum großen Teil umgesiedelt. Die Juden landeten in Ghettos, viele kamen später zurück – ins KZ." Elżbieta Pasternak erzählt ungern beim Gehen. Sie will den Menschen in die Augen schauen.

Ela, sagen Kolleginnen, rattere nicht einfach ihr Wissen herunter, sie bleibe wach. Es gibt Lehrer, die jedes Jahr mit ihren Klassen kommen und immer wieder versuchen, "die Pasternak" zu buchen, obwohl sie wissen, dass das nicht möglich ist: Die Guides in Auschwitz werden per Zufallsprinzip eingeteilt. Eigentlich sollen sie auch alle das Gleiche erzählen. Doch wenn man innerhalb eines Jahres immer wieder Zeit in Auschwitz verbringt, mal offiziell als Journalistin, mal inoffiziell als Touristin, stellt man fest: Manche Guides wirken gelangweilt wie bei einem Schulreferat. Andere erzählen lebendig. Und wieder andere versuchen, die Tour abzukürzen, um schneller nach Hause zu kommen.

"Jeden Tag könnte ich das nicht machen", sagt Elżbieta Pasternak. Seit neun Jahren führt sie durch Auschwitz, an etwa zehn Tagen im Monat. Zusätzlich arbeitet sie in der Internationalen Begegnungsstätte im Ort, dort diskutiert sie mit jungen Menschen aus der ganzen Welt über Schuld und Verantwortung. Dieser Wechsel, sagt sie, bewahre sie davor, in den immer gleichen Trott zu verfallen. "Auschwitz ist eher wie Frontalunterricht. Es braucht viel Energie, um eine Gruppe von 30 Personen zu erreichen."

Kommentare

3 Kommentare Kommentieren

Danke für diesen hervorragenden Artikel!

Er räumt auch auf mit der offiziellen Gedenkkultur, die das Vergangene ganz furchtbar findet, aber meint, heute sei alles besser. Natürlich haben wir noch keinen industriellen Massenmord, aber ist wegschauen beim Sterben auf dem Mittelmeer, beim "Verbot" der Obdachlosigkeit, vor allem von Roma in Ungarn, beim Mauerbau in den USA, und bei den tagtäglichen rassistischen Artikeln in der Bildzeitung und anderer Medien und bei den Ausfällen und Relativierungen der AFD zu akzeptieren?
Auch damals fing das ganz klein an: Hetzartikel und eine unsägliche Stimmungsmache gegen Juden, Sinti und Roma, Kommunisten usw. Es hätte eines Aufschreis bedurft, als Juden gezwungen wurden, den Bürgersteig mit der Zahnbürste zu Putzen oder als orthodoxen Juden die Schläfenlocken abgeschnitten wurden.
Der blieb aus, sowie heute ausbleibt, zB. gegen Waffenlieferungen an Saudi- Arabien zu protestieren , die das jemenitische Volk umbringen wollen oder eine Partei in Deutschland, die den Holocaust relativiert und eine rassistische Stimmung gegen Zuwanderer betreibt.

WEHRET DEN ANFÄNGEN! Damit nicht wieder in 100 Jahren Menschen an Orte fahren müssen, wo das Grauen regierte.

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