Schutzanzüge Schutzanzüge

© Peter Langer
Aus der Serie: Stilkolumne ZEITmagazin Nr. 5/2019

Wer früher seine Gartenmöbel mit einer Plastikplane überzog oder seinen Pkw mit einem Schutzüberzug aus Nylon versah, galt schnell als Kleinbürger, der nur an den Erhalt seiner Habe denkt. Als Spießer, der sich rund um die Uhr mit dem Gedanke quält, es könne ihm etwas verloren gehen – anstatt das Leben zu genießen. Es gab sogar Zeiten, da hatten Motorradhelme den Ruf, ein Accessoire für Weicheier zu sein. Denn schließlich gehe es beim Motorradfahren um das Gefühl grenzenloser Freiheit – man sollte spüren, wie der Wind in die Haare greift. Auch Sonnencreme war einst verpönt. Als wahrer Sonnenanbeter genoss man es, die Mittagssonne auf der Haut zu spüren. Die "sonnengegerbte" Haut wies einen Mann als Abenteurer aus.

Das alles hat sich sehr geändert: Wir schützen uns heute wie nie. Wer ein Smartphone kauft, erwirbt gleich vorausschauend eine Schutzhülle mit. Wir packen das Obst in Frischhaltefolie und cremen die Haut mit Faktor 50 ein. Und wer ohne Fahrradhelm auf der Straße radelt, gilt mindestens als Selbstgefährder. Vielleicht hängt das damit zusammen, dass sich das Selbstverständnis der Gesellschaft geändert hat. Wir begreifen uns weniger als Eroberer denn als Schutzbedürftige. Überall scheinen Risiken zu lauern, die uns bedrohen. In der Luft, im Essen, im Internet.

Auch in den aktuellen Modekollektionen kommt das zum Ausdruck: Überall sind Schutzhüllen zu sehen. Bei Balmain zum Beispiel werden Röcke aus PVC über senfgrünen Leggins getragen und bei Agnona Plastikcapes über die Mäntel gestülpt. Christopher Kane hüllt zarte Stoffe in transparenten Kunststoff. Und bei Gucci werden schweinchenpinke Kleider mit transparentem Stoff bedeckt.

Es scheint, als wollten wir immer noch eine weitere Schicht zwischen den Körper und die Umwelt bringen. Man kann uns gar nicht genug verpacken. Nun hatte Kleidung schon immer eine Schutzfunktion: vor Kälte, vor Schmutz oder der Gewalt des Feindes. Die Schutzumschläge, die heute in der Mode zu sehen sind, bieten jedoch keinen konkreten Schutz gegen irgendetwas, sondern einen diffusen Schutz gegen – gar nichts. Vielmehr demonstrieren sie, dass man schutzbedürftig ist. So gesehen ist es die erste Schutzkleidung, die symbolisch verletzlich macht. Viel weniger als den Träger scheinen die feinen PVC- und Gaze-Hüllen das Kleidungsstück selbst zu schützen. Gerade so als gälte es, die Kleider gegen den Verschleiß der Zeit zu verteidigen. Man sollte sie ja möglichst lange tragen. Denn wenn man sie mal ablegt, werden sie wie alle PVC-Hüllen zu Plastikmüll und verschmutzen die Meere.

Foto: Peter Langer / Hülle und Füllung: PVC-Overall und Baumwollhose von Maison Margiela

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