Daunenjacken Das komplizierteste Kleidungsstück der Welt

© Paula Winkler
Aus der Serie: Alles oder nichts ZEITmagazin Nr. 6/2019

Auf den ersten Blick würde ich sagen, ich hasse Daunenjacken von ganzem Herzen. Wenn ich aber darüber nachdenke, stelle ich fest, dass ich nicht die Daunenjacke an sich hasse, dieses unförmige, hochpreisige Kunstfaser-Tierreste-Konglomerat, sondern alles, was die Daunenjacke für die Welt und das Leben bedeutet. Die Daunenjacke enttäuscht mich erst, macht mich dann traurig, anschließend geht alles in purem Hass auf. So wie in jeder guten Beziehung.

Jacken an sich sind ja schon mal das komplizierteste Kleidungsstück der Welt. Die Anstrengung fängt in der Pubertät an, ich habe noch nie einen Teenager getroffen, der gerne Jacke trägt. Denn wer die Welt auf Abstand hält, braucht keinen Schutz vor ihr und empfindet das Prinzip Jacke als textilen Verrat an der eigenen Pose. In dieser Zeit schleicht man ohne Jacke aus dem Haus, in der Hoffnung, dass die Eltern einen nicht entdecken und ermahnen. Im Winter trägt man Parkas, die natürlich so wenig Jacke sind wie möglich, weil sie luft-, wasser-, und kältedurchlässig sind, aber der Außenwelt wenigstens sagen, dass ihr Besitzer selbst allesabweisend ist.

Menschen in Daunenjacken sehen nie schön aus, im besten Falle erträglich okay, als hätten sie sich eine wulstige Skulptur von Louise Bourgeois um den Körper gewickelt, nur ohne die Kunst. Einen Menschen in Daunenjacke zu umarmen fühlt sich an, wie in ein Polyesterbett zu fallen. Das zu wissen ist eigentlich schon unanständig, weil man konsequenterweise immer darauf verzichten sollte, Daunenjackenmenschen zu umarmen. Sie haben es nicht verdient. Mit ihrem passiv-aggressiven Ignorieren von Ästhetik scheinen sie der Welt unter die Nase reiben zu wollen, dass sie sich aus dem Spiel der Selbstdarstellung zurückziehen, weil sie glauben, verstanden zu haben, dass es wichtigere Dinge gibt im Leben. Sie meinen damit wahrscheinlich innere Werte, nur: Welche inneren Werte glauben Menschen in Daunenjacken zu haben?

Tatsächlich verteidigen sie ihre Jacke damit, dass sie eben sehr praktisch sei, sehr warm, so warm nämlich, dass man sie in geschlossenen Räumen nicht tragen kann, ohne ohnmächtig zu werden, so warm, dass der Breitengrad noch entdeckt werden muss, der diese Art von Wärme rechtfertigt, so warm, dass man sich fragt, wie kalt sich die 300 Meter zur Bushaltestelle morgens vor der Arbeit denn anfühlen können, damit man sich in einen halben Kubikmeter tierischen Dämmmaterials hüllen will.

Der Punkt, an dem man sich eine Daunenjacke kauft, ist der Punkt, an dem man für alle sichtbar den Kampf um die eigene Coolness aufgibt. Wer sie trägt, lebt die schmerzhafte Lektion vor, dass der Alltag irgendwann gewinnt, er bricht Menschen; und sie glauben dann, Expertenausrüstung für die Bewältigung des Lebens zu brauchen. Wer Daunenjacken trägt, zeigt, dass erwachsen sein bedeuten könnte, die Welt nicht mehr zu beeindrucken, sondern nur noch in ihr zu bestehen.

Mein Hass richtet sich also nicht gegen die Daunenjacke an sich, denn würde ich jedes hässliche Kleidungsstück auf dieser Welt hassen wollen, käme ich ja zu nichts anderem mehr. Es ist ein Hass gegen Pragmatismus, der gegen Selbstdarstellung gewinnt, ähnlich dem Gefühl, das man hat, wenn die eigenen Eltern einen zwingen, mit Winterjacke das Haus zu verlassen. Daunenjacken zu hassen ist im Prinzip einfach ein Aufbäumen gegen die Einsicht, dass man früher oder später scheitern wird beim Versuch, die Welt von sich fernzuhalten. Daunenjackenmenschen lassen das Leben auf sich zukommen. Keine Ahnung, was sie sich davon versprechen, aber ich friere lieber weiter.

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