Individualismus Ich, ich und ich

© Peter Langer
Aus der Serie: Stilkolumne ZEITmagazin Nr. 6/2019

Individualismus gilt in der westlichen Gesellschaft sehr viel. Groß ist der Anspruch, sich selbst zu verwirklichen – auch wenn man oft gar nicht so klar sagen kann, was dieses Selbst, das verwirklicht werden soll, eigentlich ist. Schlummert es in einem und braucht nur freigelegt zu werden wie ein vergrabenes Artefakt? Oder muss man daran arbeiten, es herausmeißeln wie ein Steinmetz? Und wenn es endlich verwirklicht ist, das große Selbst – lebt man dann in Einklang mit sich, während man sich vorher im Widerspruch befand?

Der Begriff der Selbstverwirklichung ist im Laufe der Zeit immer umfassender geworden. Einst wollte man seine Persönlichkeit vor allem im Beruf entfalten. Mittlerweile ist Selbstverwirklichung ein komplexes Mosaik geworden, das unter anderem Ernährungsgewohnheiten, spirituelle Haltungen und Sexualität einschließt. So aufwendig ist die Selbstverortung geworden, dass die Frage, was man denn eigentlich mit dem Selbst nun anstellen soll, in den Hintergrund gerät.

Die Mode hilft gern bei der Selbstsuche und bietet allerlei Möglichkeiten, seine Individualität zumindest äußerlich zu betonen. Beim britischen Label Burberry etwa lassen sich Trenchcoats, Accessoires, Schals und auch Parfumflakons auf Wunsch mit individuellen Monogrammen versehen. Gleiches gilt für Produkte von Ralph Lauren und Tiffany & Co. Die Sportmarken Nike und Adidas haben die Methode der Individualisierung auch in der Sportbekleidung aufgenommen: Auf den Internetseiten gibt es die Möglichkeit, dem jeweils ausgewählten Schuhmodell ein persönliches Design zu verpassen. Farbe, Material, Muster und Symbole können frei kombiniert werden. Bei Prada kann man zwischen unterschiedlichen Formen, Materialien, Farben, Absätzen und Sohlen auswählen.

Dies zeigt allerdings auch, wie schwierig es mit der Individualität in der Mode ist: Wir ziehen uns ja nicht an, weil wir unbedingt unsere Individualität betonen wollen, sondern weil wir dazugehören möchten. Mode verbindet uns, und wir kaufen sie in der Hoffnung, dass das, was uns selbst gefällt, auch anderen gefällt. So hat die Personalisierung der Mode Grenzen, denn ganz so individuell möchte man doch nicht sein.

Eine schöne, sehr persönliche Idee hatte jetzt die Marke Herno: Zum 70-jährigen Bestehen des Unternehmens, das vor allem Jacken herstellt, schuf man einen Regenmantel, auf dem sich die über 200 Mitarbeiter jeweils mit einem italienischen Begriff in ihrer Handschrift verewigt haben. Somit kann man sich als Käufer selbst jeden Tag in Erinnerung rufen, dass Mode etwas ist, das Individuen zusammenbringt und nicht vereinzelt.

Foto: Peter Langer / Wir sind ein Kleidungsstück: Regenmantel von Herno

Kommentare

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Wenn Sie "Selbstverwirklichung" jenseits der unterschiedlichen ideologischen Interpretationen betrachten, so beschreibt Selbstverwirklichung nur die Entfalltung und Umsetzung der individuellen Möglichkeiten und Talente.

Wie dies geschieht, ob altruistisch, wie von Ihnen gefordert, oder egoistisch wie vielfach in der Natur und unserer Gesellschaft zu sehen, entspricht den individuellen Möglichkeiten und Talenten.

Die von ihnen gefeierte Gleichsetzung von Selbstverwirklichung gleich Selbstlosigkeit ist natürlicherweise ein weibliches Verhalten, das man bei höherern Tierarten erlebt, wenn es um den Schutz des Nachwuchs geht. Der hohe Anteil alleineerziehender Mütter von fast 90% zeigt, dass diese Selbstlosigkeit auch heute noch vielen Frauen zu eigen ist.