Verhandlungsstrategie "Ich will das allermeiste!"

© Aline Zalko
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Aus der Serie: Prüfers Töchter ZEITmagazin Nr. 6/2019

Ich habe mich gefragt, warum Juli bei mir so oft ihren Willen bekommt. Und warum ich trotzdem das Gefühl habe, ihr etwas schuldig zu sein. Ich möchte das Paradox in acht Regeln zusammenfassen, man könnte daraus vielleicht ein Nachfolgerbuch von Machiavellis Il Principe schreiben.

1. Wenn du eine Forderung stellst, stelle eine Maximalforderung! – Es ist eine alltägliche Situation: Es gibt Abendessen, Nudeln mit Tomatensoße. Alle Kinder mögen Nudeln mit Tomatensoße. Juli findet aber, dass sie Tomatensoße am allermeisten mag, und will deswegen auch die allergrößte Portion haben. "Ich will das allermeiste!", ruft sie also fröhlich und hält mir ihren Teller entgegen.

2. Mache jedem klar, dass du deine Maximalforderung genauso ernst meinst, wie du sie formuliert hast! – Ich gebe Juli natürlich nicht am allermeisten, ich weiß ja, dass sie gar nicht so viel essen kann. Allerdings will Juli das nicht gelten lassen. "Ich hab doch gesagt, dass ich am allermeisten will!", ruft sie jetzt sehr ungehalten. Schon ist aus dem Wunsch, die allergrößte Portion Spaghetti zu bekommen, der offensichtlich allgemeingültige Anspruch geworden, die größte Portion zu bekommen. Dem widerspreche ich natürlich entschieden und argumentiere wie ein Demokrat: Jeder bekomme genau die gleiche Portion, denn nur das sei gerecht. Dann versuche ich, auf jeden Teller genau die gleiche Menge Nudeln zu hieven, in der Hoffnung, so irgendwie die Kontrolle über die Situation zu behalten.

3. Mache deine Sicht der Dinge zum Maßstab der Realität! – "Die anderen haben viel mehr bekommen als ich! Ich hab das allerwenigste!", protestiert Juli, jetzt mit Tränen der Wut in den Augen und geballten Fäusten. Eigentlich hält sie nichts mehr davon ab, mit beiden Händen in die Nudelsoße zu schlagen. Ich versuche, sie zu beruhigen, rege mich aber selbst schon etwas auf: "Guck doch mal, alle haben gleich viel, ganz genau gleich!" Ich bin in der Defensive.

4. Wenn du eine Forderung nicht durchbekommst, verbinde sie mit einer ganz anderen Forderung! – "Ich esse das nur, wenn ich nachher noch spielen darf! Sonst esse ich das gar nicht!" Ich bemühe mich, nicht die Autorität zu verlieren, und sage: "Ob du vor dem Zubettgehen noch spielen darfst, das entscheide ich nachher, jetzt isst du bitte erst einmal deinen Teller Nudeln."

5. Wenn die Verhandlungen stocken, eskaliere rücksichtslos! – "Dann esse ich eben gar nichts mehr", grollt Juli, jetzt fast flüsternd, aus dem Höllenschlund ihrer Wut. Alle anderen haben derweil schon gegessen.

6. Wenn sich die Dinge ungünstig entwickeln, räume deine Position so schnell, als hättest du sie nie vertreten! – Jetzt reicht es mir wiederum. "Gut, wenn du dich so aufführst, dann bringe ich dich in dein Zimmer", poltere ich, hebe die Kleine aus dem Stuhl und trage sie Richtung Kinderzimmer. "Okay, ich hör auf, mich so aufzuführen", sagt Juli jetzt. Verblüfft lasse ich sie wieder runter.

7. Gib niemals auf! – "Du hast aber versprochen, dass ich jetzt spielen darf!", erklärt Juli selbstbewusst. Ich gebe klein bei: "Aber nur kurz!"

8. Habe immer das letzte Wort! – "Papa, du wolltest mir doch Nudeln bringen!", ruft Juli fröhlich aus dem Spielzimmer. "Ich will aber ganz viel!"

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