Dendemann "Ich meide alles, was auch nur entfernt mit Grusel oder Gewalt zu tun hat"

© René Fietzek
Aus der Serie: Ich habe einen Traum ZEITmagazin Nr. 7/2019

Meistens habe ich am Morgen das Gefühl, nicht geträumt zu haben. Wenn ich mich doch an etwas erinnere, hat es in der Regel mit irgendwelchen medialen Einflüssen zu tun, vor allem mit dem Fernsehen.

Ich habe zum Beispiel mal von einem Typen geträumt, der in fließendem Englisch eine Rede gehalten hat, es sah aus wie eine UN-Versammlung. Er sprach über ein von ihm entwickeltes Punktesystem, das jedes Land für eine nicht gebaute Bombe belohnt – futuristischer Spinnerkram also. Letztlich ging es in dem Traum um die naive Überlegung, dass man Frieden lukrativer machen müsste als Krieg.

Als ich über diesen Traum nachdachte, fiel mir ein, dass ich am Vorabend etwas im Fernsehen gesehen hatte über einen Studenten, der mit riesigen Reusen Plastikmüll aus dem Meer holt. Das hatte mich total beeindruckt und sich dann im Traum offenbar mit meinen Gedanken vermischt.

Normalerweise gucke ich direkt vor dem Schlafen kein Fernsehen. Denn schon ein harmloser Werbeblock um 22 Uhr kann mich komplett überfordern. Der hämmert sich in meinen Kopf, echt schlimm.

Noch schlimmer sind eigentlich nur Horrorfilme. Die habe ich noch nie gucken können, schon zu Schulzeiten nicht. Meine Freunde schon, die hatten kopierte VHS-Kassetten von Klassikern wie Freitag der 13., Halloween, Nightmare on Elm Street. Ich bin dann immer gegangen, sobald die liefen. Grusel ist für mich bis heute ein extrem unangenehmes Gefühl.

Das liegt wahrscheinlich daran, dass ich zu früh E.T. geguckt habe, ich war damals sechs. Dieses blinkende Herz, überhaupt die ganze Atmosphäre – ich fand das einfach nur furchtbar. Seither habe ich alles gemieden, was auch nur entfernt mit Grusel oder Gewalt zu tun hat. Bei meinen Freunden war ich sicher nicht als der Mutigste bekannt. Zum Glück blieb ich vom Gruppenzwang verschont: Ich wurde spät eingeschult und bin später auch noch sitzen geblieben. Dadurch war ich anderthalb Jahre älter als meine Mitschüler, gleichzeitig war ich aber auch ein Spätentwickler. Dadurch hatte ich den Bonus des Erfahrenen und zugleich Welpenschutz – und wurde mit ganz vielem einfach in Ruhe gelassen.

Als Kind und als Jugendlicher hatte ich lange Zeit schlimme Probleme mit dem Einschlafen. Ich lag stundenlang wach, in meinem Kopf ein zäher Teig aus Gedanken, in dem ich so lange rührte, bis mir alles wehtat. Manchmal hielt mich auch Liebeskummer wach. Ich war ganz früh unglücklich verliebt. Nicht mal in eine konkrete Person, sondern in etwas, das nicht da war. Es war eine Sehnsucht, die mich nicht schlafen ließ.

Dieses Gefühl, nachts stundenlang wach zu liegen, kenne ich heute zum Glück nicht mehr. Ich kann mich einfach runteratmen und an irgendeine Verpflichtung denken. Zum Beispiel an einen Text, der noch nicht fertig ist. Ich liege dann im Bett und überlege: Ah, ich könnte ja jetzt noch zwei Zeilen für den Refrain schreiben ... und weg bin ich.

Kommentare

38 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

"Und Gewaltspiele sind für mich erst recht tabu."

Mmmmmhhh.
Also Resident Evil würde ich nie vor dem Einschlafen zocken.
Aber so eine Runde GtaV, eine Pacific Standart Raub Mission durchziehen und dann ins Bett....kann ich Weltklasse schlafen.

Andererseits: 96hours mit Liam Nesson, da würd ich austicken. Man braucht nur "Menschenhandel" erwähnen und ich geh steil. Oder 8mm. Schlafen? Bestimmt nicht.

Das ist für mich mehr Horror als das Blair Witch Project.