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Natacha Ramsay-Levi "Franzosen sind nicht höflich"

Natacha Ramsay-Levi ist die erste französische Chefdesignerin des Modehauses Chloé seit 27 Jahren. Wie sieht sie die Pariserin als solche? Was haben Franzosen gegen pinke Haare? Und was hilft gegen die ständige Anmache auf den Straßen von Paris? Von
ZEITmagazin Nr. 7/2019

ZEITmagazin: Frau Ramsay-Levi, Sie sind die erste Französin an der Spitze des Modehauses Chloé, seit Martine Sitbon den Posten 1992 an Karl Lagerfeld übergab. In allen Kritiken zu Ihrer ersten Chloé-Kollektion wurde das betont. Warum eigentlich?

Natacha Ramsay-Levi: Ich glaube, das hat zwei Gründe. Erstens gibt es tatsächlich nicht sehr viele französische Frauen in Chefdesigner-Positionen. Engländerinnen und Amerikanerinnen, ja, aber wenig Französinnen. Zweitens glaube ich, dass der Mythos der französischen Frau immer noch existiert. Vor allem die Pariserin ist berühmt. Sie ist zu einem richtigen Klischee geworden.

ZEITmagazin: Es sind ja Bücher über die Pariser Frau geschrieben worden, "How to be Parisian" zum Beispiel.

Ramsay-Levi: Ja, sie ist ein bisschen verherrlicht worden. Ich glaube aber, dass trotzdem ein Körnchen Wahrheit hinter dem Klischee steckt. Ich glaube, die Attraktivität der französischen Frau wurzelt darin, dass Franzosen im Allgemeinen immer streiten. Sie stimmen nie in etwas überein, und sie legen sich auf nichts fest. Die französische Grundeinstellung ist, dagegen zu sein, sich nie ganz auf etwas festzulegen, sondern immer auch etwas Gegensätzliches zu sagen. Und ich glaube, dasselbe trifft auf die französische Frau zu. Man verbindet Verführung und Sinnlichkeit mit ihr – aber nie zu viel davon, sie ist nie zu sexy! Sie ist natürlich, aber auch schick.

ZEITmagazin: Wenn man in Saint-Germain-des-Prés im Café sitzt und die Passanten beobachtet, fällt auf, dass sie alle eine sehr ähnliche Art von Eleganz pflegen. Man sieht hier in Paris selten jemanden mit grün gefärbten Haaren. Warum ist das wohl so?

Ramsay-Levi: Die Codes sind ziemlich stark. Die französische Gesellschaft ist sehr konservativ – einerseits. Auf der anderen Seite stimmt Frankreich seit 30 Jahren in politischen Wahlen für progressive Positionen. Wie gesagt, die Franzosen sind widersprüchlich. Man kann sich in Frankreich nicht superverrückt anziehen. Es geht hier nicht um Individualität, sondern um Bescheidenheit, darum, nicht zu laut zu schreien. Deshalb sehen alle gleich aus, vor allem hier im Zentrum von Paris. Wenn Sie in die Außenbezirke gehen, wird es wahrscheinlich etwas lustiger. Aber generell sehr viel unlustiger als in Berlin oder New York. Wir sehen hier auch keine Macht der Communitys.

ZEITmagazin: Sie meinen Subkulturen?

Ramsay-Levi: Ja. Generell sind die gesellschaftlichen Gruppierungen hier viel kleiner. In New York sieht man den ungeheuren Einfluss der afroamerikanischen Gemeinde auf das Straßenbild. In Berlin gibt es eine starke Punk-Ästhetik, in London die Einflüsse der vielen Migranten und ihrer Kulturen. Hier in Frankreich dagegen herrscht die Republik.

ZEITmagazin: Wünschten Sie manchmal, dass hier mehr Leute mit grünen Haaren herumliefen?

Für ihre aktuelle Kollektion hat sich Ramsay-Levi von der Leichtigkeit der großen Ferien und den Mustern ferner Länder inspirieren lassen. © Edouard Plongeon

Ramsay-Levi: Ich liebe es, wenn ich sie sehe – Menschen, die sich selbst ausdrücken können. Aber einmal hatte ich in meinem Team bei Louis Vuitton einen jungen Designer aus London mit pink gefärbten Haaren. Wenn man so in Paris in die U-Bahn steigt, kriegt man Probleme. Die Leute starren dich an, sie verurteilen und beschimpfen dich.

ZEITmagazin: Wie, man wird auf offener Straße beschimpft, weil man rosa Haare hat?

Ramsay-Levi: Oh ja! Franzosen sind nicht höflich. Es herrscht hier viel Aggression. Die Leute sagen, was sie denken. Es gibt keinen Filter, keine politische Korrektheit. Ich mag diese Direktheit durchaus. Aber als junge Frau auf den Pariser Straßen muss man Eier haben. Überall sind Männer, die einem hinterherpfeifen, die einen fragen, ob man ihnen einen blasen will. Man lernt dann, zu sagen: Oh, hab’s eilig! Man muss hier immer einen Spruch parat haben.

ZEITmagazin: Als Kind wollten Sie Archäologin werden. Warum?

Ramsay-Levi: Will das nicht jedes Kind? Ich habe schlussendlich Geschichte studiert. Was mich interessierte, waren politische Gruppen und Bewegungen. Ich wollte lernen, was in der Vergangenheit passiert ist, um daraus abzuleiten, wie man die Gegenwart und die Zukunft verändern kann.

ZEITmagazin: Wollten Sie eine Aktivistin sein?

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Ramsay-Levi: Nicht wirklich. Aber ich bin in einer sehr politischen und sehr engagierten Familie groß geworden. Wir sind jüdischer Herkunft, und mein Vater war ständig beunruhigt. Ich wurde dazu erzogen, immer zu fragen: Welche ist die richtige Seite der Geschichte? Welche Fakten müssen beleuchtet werden? Während meiner Kindheit in den Achtzigerjahren waren Dinge wie die Bekämpfung von Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus sehr präsent in Frankreich. Ich erinnere diese Zeit als die letzte Utopie von Paris: Man glaubte damals noch, man könne eine sozialere und gerechtere Gesellschaft erschaffen.

ZEITmagazin: Praktizieren Sie den jüdischen Glauben?

Ramsay-Levi: Nein. Meine ganze Familie ist atheistisch.

ZEITmagazin: Wann fingen Sie an, sich für Mode zu interessieren?

Ramsay-Levi: Ich war ein sehr schüchternes, aber auch sehr entschlossenes Kind – eine komische Mischung –, und Kleidung war für mich das Mittel, um mich auszudrücken. Alles, was persönlich und intim war, war für mich sehr schwer zu artikulieren. Kleider aber gaben mir eine Attitüde, ich konnte damit sehr klar rüberbringen, wer ich war, was ich dachte, was meine Stimmung war. Da gab es keine Missverständnisse.

ZEITmagazin: Hatten Sie als Kind ein modisches Vorbild?

Ramsay-Levi: Meine Mutter war immer sehr schick. Französische Schulkinder haben am Mittwochnachmittag keinen Unterricht, deshalb war das für mich immer der Tag, an dem ich in den Kleiderschrank meiner Mutter ging und alles anprobierte, sogar ihre Unterhosen. Davon weiß sie gar nichts, haha! Das Besondere an der Mode hier in Frankreich ist: Sie ist überall. Jeder denkt sehr genau darüber nach, wie er sich anzieht. Aber weil sie so luxuriös ist, wird auch ständig auf die Mode herabgeschaut.

ZEITmagazin: Wirklich? Hier in Frankreich?

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Ramsay-Levi: Na ja, heute ist das anders. Heute ist Mode modisch. Aber wenn man vor zehn Jahren jemandem erzählt hat, dass man in der Mode arbeitet, hat er die Augen verdreht: Oh, sie arbeitet in der Mode, wahrscheinlich ist sie reich und dumm. Jetzt ist das anders, weil seriöse Zeitungen wie Le Monde so viel über Mode berichten. Man wertschätzt die Mode heute als eine französische Spezialität.

ZEITmagazin: Warum sind Sie erst nach einem Geschichtsstudium ins Fach der Mode gewechselt?

Ramsay-Levi: Meine Eltern haben mir beigebracht, sehr hart zu arbeiten. Die Kehrseite einer solchen Erziehung ist, dass man glaubt, total leidenschaftlich sein zu müssen, egal was man tut. Ich hatte noch nie gezeichnet. Ich konnte nähen – meine Großmutter war Schneiderin, und seit meinem 16. Lebensjahr hatte ich eine Nähmaschine und nähte mir meine eigenen Kleider. Aber da war immer diese Stimme in mir, die sagte: Ich kann nicht zeichnen, ich bin kein kreativer Mensch. Mein Vater sagte: Wenn du nicht schon immer für eine Sache gebrannt hast, dann ist sie nichts für dich. Daher hatte ich nie das Gefühl, berechtigt zu sein, Mode zu machen.

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