Sommermode Out of Office

Mit der neuen Sommermode sieht man auch im Büro so aus, als wäre man längst im Urlaub. Von
ZEITmagazin Nr. 7/2019

Als der Designer Thom Browne unlängst seine neue Sommermode präsentierte, war der Schauplatz sehr nah am Wasser gebaut: Man hatte in der Halle des Tennis Club de Paris einen kompletten Strand eingerichtet, inklusive Wachturm für den Bademeister und bunter Umkleidekabinen. Einige Models trugen Masken über ihrem Gesicht, deren heruntergezogene Mundwinkel den Eindruck erweckten, sie hätten wenig Spaß. Kleidung und Accessoires waren allerdings mit fröhlichen Sommermotiven gespickt: Clutches in Wal-Form und Taschenkrebse, die auf Mantelschöße gedruckt waren, auch Anker auf Strumpfhosen und Hüte, die mit Wassermelonenscheiben garniert waren. Brownes Kollektion zeigte eindrucksvoll, dass man auch im Beach-Resort miese Laune haben kann.

Andere Sommerkollektionen wurden ebenfalls in Strandkulissen präsentiert: Arthur Arbesser hatte für seine Präsentation des Labels Fay in Mailand den Strand von Sylt samt Leuchtturm und Strandkorb nachbauen lassen, und auch bei der Chanel-Show von Karl Lagerfeld im Pariser Grand Palais staksten Models auf Sand über den Steg und ließen ihre Schuhe lässig in der Hand schlenkern. Auf Nachfrage betonte Lagerfeld, es sei kein bestimmter, sondern irgendein beliebiger Strand gemeint, der sich überall auf der Welt befinden könnte. Es ging ihm also nicht um das konkrete Lebensgefühl in Saint-Tropez oder Palm Springs, sondern um die Stimmung eines abstrakten Ortes fern des Alltags.

Es ist vielleicht kein Zufall, dass Chanel den größten Sandhaufen der Pariser Schauen aufgehäuft hatte. Schließlich war Coco Chanel, die Gründerin der Marke, eine der Erfinderinnen des Urlaubsgefühls: 1929 sorgte sie für Aufruhr in der Pariser Gesellschaft, als sie "sun-kissed", also mit gebräunter Gesichtshaut, von einem Jachturlaub im Mittelmeer zurückkehrte. Bis dahin hatte Porzellanhaut als weibliches Schönheitsideal gegolten. Die vornehme Blässe signalisierte, dass man ein gesellschaftliches Leben in den Salons der Metropolen führte und nicht etwa wie ein Bauer auf dem Feld arbeiten musste. Mit ihrer Sonnenbräune schuf Coco Chanel kurzerhand ein neues Statussymbol: Der Teint verkündete, dass man es nicht nötig hatte, in der großen Stadt sein Dasein zu fristen, sondern ein Leben am Wasser führte.

Heute ist der Strand eine der letzten Zonen, die sich eindeutig der Freizeit zuordnen lassen. Hier kann man kaum arbeiten, weil Sand die Tastatur des Laptops zerstört und man im Sonnenlicht nicht einmal das Display des Smartphones ordentlich lesen kann. Außerdem würde der Touchscreen durch Sonnenmilch verschmiert. Auch deshalb ist der Strand ein geeignetes Setting für das aktuelle Modegefühl. Einst konzentrierte sich die Frauenmode auf den Abend, wenn man besonders auffallen sollte, und die Herrenmode auf alltäglichere Termine, bei denen man im richtigen Anzug erfolgreich Verhandlungen führte. Diesen Sommer aber scheint die Mode sagen zu wollen: Sorry – nichts los. Ich habe keine Termine.

Man läuft in der Stadt herum, als wäre man nur kurz von der Strandpromenade herübergelatscht, weil es im Büro ein paar E-Mails zu checken gibt. Die Korbtasche, einst für Badehandtücher reserviert, geht als neue Aktentasche durch – bei Dolce & Gabbana beispielsweise mit bunten Pompons. Man hat den Strand diesen Sommer immer dabei.

Manchmal wirkt die Urlaubsgefühl-Mode wie gedankenlos zusammengestellt; verschiedene Muster und Stoffe prallen aufeinander: Dicke Punkte werden mit einem Streifenmuster kombiniert, robuste Trenchcoats mit Chiffon. Alles soll so zufällig wirken, wie sich Touristen kleiden. Als hätte man übergestreift, was im Koffer gerade zu finden war. Im Urlaub denkt man nicht viel über das Styling nach. So gehören zu den Hüten dieses Sommers auch der Strohhut und der im Grunde wenig kleidsame Eimerhut, die touristische Kopfbedeckung schlechthin. Bislang stand dieser bucket hat für den schlechten Stil westlicher Touristen. Nun hat er es auf den Laufsteg geschafft – zusammen mit Brustbeutel und Hüfttasche, seinen Geschwistern aus dem Horrorkabinett touristischer Zweckkleidung.

All diese Bezüge zum Urlauber-Look haben eine subtile Botschaft: Ich bin überall auf der Welt – aber nicht hier. Am deutlichsten zeigte sich dieses Gefühl in der Kollektion von Paco Rabanne, die Anleihen bei den populärsten Urlaubsorten der Welt genommen hat: Münzkettengürtel wie aus Marrakesch, Saris aus Goa, Strandtücher aus Bali.

Mode ist immer ein Spiegel der Zeit, in der sie stattfindet – und ihrer Werte. Mit ihr träumen wir uns dorthin, wo wir gern wären. Und die traditionellen Werte der westlichen Gesellschaft wie Leistung, Ehrgeiz und Perfektion scheinen heute immer weniger attraktiv. Wenn man immer weiter und immer höher strebt – wo landet man dann? Bestimmt nicht am Meer. Und auch nicht unbedingt in einem besseren Leben. Deswegen zieht man sich auch nicht mehr so an, als würde es einem viel bedeuten. Man kleidet sich vor allem nicht so, als würde man viel darauf geben, was andere von einem halten.

Natürlich sind Menschen heute noch genauso ehrgeizig und ganz genauso auf Außenwirkung bedacht wie früher. Aber heute glaubt man, den größten Eindruck zu machen, wenn man aussieht, als wäre die einzige Entscheidung, die man treffen musste, die Wahl zwischen Schutzfaktor 20 oder 30 gewesen.

Schön wäre übrigens, wenn dieser Entspannungsmodus dazu führen würde, dass wir jetzt, wo sich alle gefühlt durchgehend im Urlaub befinden, auch kein Kerosin verbrennen müssten, um auf die Seychellen zu düsen, sondern einfach zu Hause blieben. Dann könnte sich auch das Weltklima mal entspannen.

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