Stricken "Es ist doch gut, was mit den Händen zu machen, oder?"

© Aline Zalko
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Aus der Serie: Prüfers Töchter ZEITmagazin Nr. 7/2019

Ich versuche mal zu erklären, wie man Maschen aufnimmt. Man muss zuerst eine Schlaufe machen und auf eine Stricknadel ziehen. Dann muss man einen Faden einmal locker um den Zeigefinger der rechten Hand wickeln, mit der man außerdem die Stricknadel hält, auf welche die Maschen gezogen werden sollen. In der linken Hand hält man auch eine Stricknadel. Dort wickelt man das kürzere Ende des Fadens einmal um den Daumen. Man hält die Fäden so, dass sie sich überkreuzen, und schiebt die Nadel in der rechten Hand entlang des Daumens der linken Hand nach oben, sodass sie den Faden aufnimmt und in der Schlaufe steckt. Dann nimmt man den Faden, der in der rechten Hand liegt, und wickelt ihn einmal gegen den Uhrzeigersinn um die Nadel in der linken Hand herum. Schließlich zieht man den Daumen der linken Hand aus der Schlaufe, die um ihn lag, und stülpt diese Schlaufe ebenfalls über die Nadel. Dann festziehen. Das muss man immer wieder wiederholen, bis man die Breite des zu strickenden Stücks erreicht hat. Oder so ähnlich.

Und das ist nur der erste Schritt, den es braucht, um etwas zu stricken. Man muss auch noch rechte Maschen und linke Maschen stricken und außerdem Maschen abketteln. Greta hat versucht, es mir zu zeigen, und ich habe mich angestellt wie ein Opa, der von seinen Enkeln das Internet gezeigt bekommt – nur eben ohne Internet.

Ich wollte das wissen, weil Greta mir zum Geburtstag einen Schal gestrickt hat. Ich hatte Greta gefragt: "Habt ihr das in der Schule gelernt?" – "Nö." – "Ach, ist Stricken jetzt so ein cooler Do-it-yourself–Trend, den alle mitmachen?" – "Nö, eigentlich bin ich die Einzige in meiner Klasse, die das macht." – "Aber wo hast du das denn gelernt?" – "Ich habe Oma gefragt." Meine Schwiegermutter ist ein wahres Handarbeitswunder. Sie kann stricken, häkeln, nähen, Marmelade kochen und vieles mehr. Das macht sie so nebenbei. Sie braucht für das meiste weniger Zeit, als ich benötige, um das zugehörige Tutorial auf YouTube zu suchen. Greta sagt, sie stricke gerne, wenn sie Musik höre oder ein Hörspiel. "Es ist ja gut, was mit den Händen zu machen, oder?"

Ich bin niemand, der meint, dass früher alles besser war. Aber manches schon. Ich zum Beispiel kann mich erinnern, dass ich an meiner Schule bis zur sechsten Klasse Handarbeitsunterricht hatte. Es hieß "Textiles Gestalten". Wir lernten Nähen, Sticken – und auch Stricken stand auf dem Programm (ich brauchte sehr lange für einen sehr einfachen Schal, es fiel mir schon damals nicht leicht). Dafür muss man Kinder heute an einer Waldorfschule anmelden. Ich finde das nicht richtig. Wir verschreiben Kindern Pillen gegen ADHS und wundern uns, dass sie so unausgeglichen sind, aber wir bringen ihnen nicht bei, was sie mit ihren Händen anstellen könnten, außer damit auf Touchscreens zu swipen. Wer mehr will, muss Oma fragen.

Als Greta mir die Grundtechniken des Strickens zeigte, entschuldigte sie sich, dass die Wolle so dünn sei, für Anfänger ungeeignet. Anschließend trennte sie alles, was ich gestrickt hatte, mit einem mitfühlenden Lächeln wieder auf und riet mir, es mal mit schön dicker Wolle zu versuchen. Das nächste Mal. Ich habe ja noch einen weiten, weiten Weg vor mir. Nun habe ich einen Begriff davon, was lebenslanges Lernen ist.

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