Alexander Scheer "Das ist immer das Ziel: Nicht mehr nachzudenken"

© Jelka von Langen/Stylink Klaus Stockhausen
Hemmungslos, merkwürdig, genial: Der Schauspieler Alexander Scheer Von und
ZEITmagazin Nr. 8/2019

Es ist keineswegs normal, dass sich ein Mann, so extrovertiert er sein mag, an seinem Arbeitsplatz komplett auszieht. Von dem Schauspieler Alexander Scheer ist dies überliefert. Nachdem das letzte Foto für das Shooting dieser Ausgabe gemacht war – es zeigt ihn in einer Lacklederhose in einer schwarz-weiß gekachelten Badewanne liegend, irgendwo in Berlin-Charlottenburg –, stand Alexander Scheer also klitschnass in der Wohnung, so erzählt es ein Mitglied des Teams, und entkleidete sich bis auf die Haut. Jeder der Anwesenden konnte ihm dabei zuschauen, aber das war ihm offensichtlich egal. Alexander Scheer ist ein Mann des vollen Körpereinsatzes, der sich im Alter von 42 Jahren das Kindliche bewahrt hat.

Es ist diese Hemmungslosigkeit, die nie exhibitionistisch, sondern immer frei wirkt und die Alexander Scheer zu einem der größten deutschen Schauspieler unserer Zeit macht. Der Theaterregisseur Frank Castorf, ein wichtiger Förderer Scheers, lobt, vom ZEITmagazin nach dem Schauspieler gefragt, dessen "Unverfrorenheit". "Er kennt keine Grenzen", sagt Castorf, "auch nicht die scheinbaren Grenzen des Geschmacks. Er fängt einfach an, und dann explodiert etwas." In Castorfs Volksbühnen-Inszenierung Kean aus dem Jahr 2008 rannte Scheer fünf Stunden lang blut- und schmutzverschmiert über die Bühne. Dafür wurde er als "Schauspieler des Jahres" ausgezeichnet.

Alexander Scheer kommt am 1. Juni 1976 in Ost-Berlin zur Welt. Am Georg-Friedrich-Händel-Gymnasium in Berlin-Friedrichshain, einer Schule mit Musikschwerpunkt, lernt er Gesang, Klavier und Schlagzeug. Als er 13 Jahre alt ist, fällt die Mauer. Nach der elften Klasse schmeißt er die Schule, ohne Abschluss. Er arbeitet als Barkeeper, Friedhofsgärtner, Postbote und Werbefilm-Darsteller, macht nebenher Musik in verschiedenen Bands und dreht mit Freunden ein paar Amateurfilme. Es ist der Regisseur Leander Haußmann, der ihn entdeckt: Er macht ihn 1999 zum Hauptdarsteller seiner DDR-Komödie Sonnenallee. "Männer brauchen Musik", sagt Scheer da in seiner Rolle des schlaksigen, etwas käsigen Schülers und Rolling-Stones-Fans Michael Ehrenreich, kurz bevor er, wild auf einer Gitarre rockend, die sonst keiner sehen kann, zu einer Musik, die sonst niemand hören kann, ins gleißende Licht der Sonnenallee springt – schöner hat in der deutschen Filmgeschichte bis dahin wohl niemand Luftgitarre gespielt. Und dieses Gefühl hat man bei Scheer immer: dass, egal ob er spielt oder nicht, in seinem Kopf eine für niemanden sonst hörbare Musik erklingt, nach der er sich, mit seinen langen Beinen und Armen im Takt schlackernd, durch die Welt bewegt.

Auch in anderen seiner Rollen ist die Musik von Bedeutung. In Das wilde Leben, der 2007 verfilmten Uschi-Obermaier-Biografie, verkörpert er Keith Richards. In Oskar Roehlers 2014 erschienenem Film Tod den Hippies! Es lebe der Punk Blixa Bargeld, den Frontmann der Einstürzenden Neubauten. Und in Andreas Dresens Gundermann aus dem vergangenen Jahr beweist er, dass er neben schrillem Rock ’n’ Roll auch die leisen Töne eines Liedermachers beherrscht.

Alexander Scheer sagt über sich, dass er nichts lese, weder Zeitungen noch Literatur, dass er kein Radio höre und kein Fernsehen schaue. Alles, was er wissen müsse, beziehe er aus den Drehbüchern, die man ihm schicke. Er verlässt sich offenbar komplett auf seine Intuition. Man kann das naiv finden. Vielleicht kokettiert Scheer aber auch mit dieser Naivität.

Und immer wieder schlüpft er in die Rolle von Exzentrikern. Nicht nur als Blixa Bargeld, Keith Richards oder Friedrich Nietzsche (in dem Film Lou Andreas-Salomé), allesamt Männer, die sich über Konventionen hinwegsetzten und darum außerhalb der etablierten Gesellschaft standen. Auch in dem Musical Lazarus, geschrieben von David Bowie und dem irischen Dramatiker Enda Walsh, ist Scheer natürlich: der Outsider. Seit vergangenem November läuft es am Hamburger Schauspielhaus. In der Uraufführung hatte David Bowie noch selbst die Hauptrolle übernommen, jetzt wird Scheer in der gleichen Rolle zu dessen Nachfolger. Er spielt, wie zuvor Bowie, den Alien Thomas Jerome Newton, der auf die Erde kommt, um dort Wasser für seinen Planeten zu finden, dann aber nicht mehr nach Hause zurückfindet. Keine Figur könnte besser zu Scheer passen: Er singt, er tanzt, er explodiert. Auch den glitzernden Bowie-Look trägt er mit Selbstverständlichkeit.

Alexander Scheer ist kein klassisch schöner Mann. Er hat eine große Nase und einen hageren Körper. Für die Berliner Modedesignerin Esther Perbandt, mit der er lange liiert war und immer noch befreundet ist, lief er auch mal über den Laufsteg. Perbandt entwirft Theaterszenen-Chic: lange Hemden, Anzugwesten und tief sitzende, enge Hosen. Zu Scheer passt es. Er ist das, wofür es im Englischen das Wort awkward gibt, ein bisschen komisch. Er ist eitel und laut, dann wieder hochsensibel und nervös. Er ist nicht gefällig. Er ist so etwas wie der Anti-Schweighöfer. Er war es, der dem damaligen Kulturstaatssekretär Tim Renner ein Glas Bier über den Kopf schüttete, als Rache dafür, dass der Frank Castorf als Intendanten der Volksbühne abgesetzt hatte. Seine Unangepasstheit empfinden manche als aufgesetzt. Sie ist aber auch von einer erfreulichen Sturheit, die sich heute kaum noch ein Schauspieler erlaubt. Vielleicht ist Alexander Scheer der letzte Punk von Berlin.

Claire Beermann

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