© Dan Wilton

Judith Kerr "Ich hatte genug Politik in meinem Leben"

Judith Kerr über England in den Zeiten des Brexits Von
ZEITmagazin Nr. 8/2019

Wir waren zu einem Spaziergang verabredet, die Themse entlang, in Richtung Londoner Innenstadt. Es ist ein Weg, den Judith Kerr seit vielen Jahren geht. In einem Telefoninterview, das wir vor anderthalb Jahren geführt hatten, hatte die berühmte Autorin von Als Hitler das rosa Kaninchen stahl davon erzählt: Wie sie nach getaner Arbeit ihr Haus verlässt, während der Himmel immer dunkler wird und die Lichter der Stadt immer heller leuchten und was für ein wunderbarer Moment das sei.

Diesen Spaziergang hatten wir gemeinsam machen wollen: von Barnes, dem Stadtteil, in dem sie lebt, über die Themse nach Hammersmith mit Blick auf das Zentrum. Dort, wo in diesen Wochen über die Zukunft Englands und vielleicht Europas entschieden wird und auch über die Frage, wie souverän ein Nationalstaat in Zeiten der Globalisierung sein kann.

Doch dann wartet vor dem schmalen Backsteinhaus mit den blank geputzten Scheiben ihre Presseassistentin. Judith, sagt sie mit bedauerndem Blick, gehe es nicht besonders. Sie habe gerade ihr letztes Buch illustriert, sie sei erschöpft und nicht gut drauf. Das Letzte, worüber sie reden wolle, sei Politik.

Kurz darauf erscheint sie auch schon hinter der Tür, eine kleine zarte Dame in Rollkragenpullover und blauem Rock. "Ich hatte genug Politik in meinem Leben", murmelt Judith Kerr und bittet ins Wohnzimmer, wo Kaffee und Kekse stehen. Um ihre Beine streicht eine fette weiße Katze mit gestreiftem Schwanz, die natürlich nicht irgendeine Katze ist. Sondern Katinka, die Hauptfigur des letzten Bilderbuches, das Judith Kerr (die sich selbst vor allem als Illustratorin sieht) gezeichnet hat.

Judith Kerr ist jetzt 95 Jahre alt. Mit neun, im Jahr 1933, floh sie mit ihrer jüdischen Familie aus Berlin, erst in die Schweiz und ein Jahr später nach Paris. Doch ihr Vater, Alfred Kerr, einer der prominentesten Essayisten und Theaterkritiker der Weimarer Republik, bekam kaum Aufträge, und so emigrierte die Familie 1936 nach London. Viele Jahre später, als Judith Kerr selbst schon Mutter war, fing sie an, über diese Jahre zu schreiben aus dem Impuls heraus, ihrem Sohn und ihrer Tochter von ihrer Kindheit zu erzählen. Aus dem Text wurde ein autobiografischer Roman, der 1971 in England erschien und bald in aller Welt bekannt werden sollte. Aber in keinem Land hatte Als Hitler das rosa Kaninchen stahl eine größere Wirkung als in Deutschland. Es wurde Schullektüre und damit das Buch, aus dem Generationen von Kindern erstmals von der Judenverfolgung erfuhren. Was auch damit zusammenhängt, dass es den Horror erträglich macht: Die Jahre der Flucht werden als großes Abenteuer eines Mädchens und seines Bruders geschildert. In der Schweiz lernt es jodeln, und in Paris sagt es beim Blick über die Dächer zu seinem Vater: "Ist es nicht wundervoll, ein Flüchtling zu sein?"

Den Eltern gelingt es, die schreckliche Realität fernzuhalten, sie dringt nur punktuell in das Leben der Erzählerin ein: Die Familie wird immer ärmer, Nachbarn machen antisemitische Bemerkungen, ängstliche Chefredakteure wollen die Texte des Vaters nicht drucken. Als dieser ein Drehbuch-Manuskript nach England verkauft, geht die Familie nach England, und dort endet das Buch auch: mit der Ankunft des Zuges in London, wo die Straßen vom Regen glänzen und die Luft nach Gummiregenmänteln riecht und der Taxifahrer "Ittla!" ruft, als er ihren deutschen Akzent hört und verächtlich auf den Boden spuckt. Es war die Ankunft in dem Land, das der Familie zur Heimat werden sollte und mit dem Judith Kerr bald eine große Liebe verbinden würde.

In das Haus in Barnes, in dem wir uns treffen, ist sie vor fast sechzig Jahren gezogen. Dort hat sie mit ihrem Mann eine Familie gegründet, hat ihre Bücher geschrieben, hat Dutzende von Bilderbüchern illustriert, für die sie in England noch bekannter ist als für ihre Romane. Vor zwölf Jahren starb ihr Mann. Seither lebt sie mit ihrer Katze Katinka allein in diesem Haus, das aus Schichten von Vergangenheit zu bestehen scheint. Die Küche sieht aus, als sei die Zeit in den Sechzigerjahren stehen geblieben, ein Poster kündigt einen Auftritt von Kerr in Berlin in den Neunzigerjahren an, an den Wänden hängen gelbstichige Fotos von Reisen zu indigenen Völkern und Eisbergen. Auf einem Heizkörper im Flur steht unübersehbar und rot umrandet die handschriftlich ausgefüllte Anweisung, im Falle eines Herz-Kreislauf-Stillstandes keine Wiederbelebungsmaßnahmen durchzuführen.

Kerrs Bücherregal. Ihre eigenen Bücher wurden zehn Millionen Mal in alle Welt verkauft. Noch heute bekommt sie täglich Post von Fans. © Dan Wilton

Judith Kerr sitzt auf dem Sofa im Wohnzimmer, hinter sich ein gemaltes Porträt ihres Ehemannes, vor sich eine Ausgabe der Times . Auf der Titelseite geht es um den Brexit-Plan von Theresa May, über den am darauffolgenden Tag abgestimmt wird.

In einem anderen Interview hatte sie gesagt: Jahrelang habe man sich nicht um Politik kümmern müssen, und plötzlich müsse man sich wieder dafür interessieren. Hat das ihr eigenes Verhalten verändert, sieht sie wieder mehr Nachrichten?

"Die Nachrichten sind interessanter geworden, natürlich. Alle Menschen lesen mehr Zeitung, nicht nur in England", sagt sie auf Deutsch, sorgfältig ein Wort hinter das andere setzend. "Es war ja so lange eine ruhige Zeit, dass man denkt, das ist jetzt so. Aber es ist eben nicht so in der Geschichte. Es passiert immer irgendwas."

"Manche verstehen den Brexit als Rückfall in nationalistische Zeiten. Sehen Sie das auch so dramatisch?"

"Ich weiß nicht. Plötzlich hat sich alles geändert. Was daraus wird, weiß ich nicht."

Eigentlich ist Judith Kerr durchaus an aktueller Politik interessiert. Sie hat öffentlich erzählt, dass sie zur Brexit-Abstimmung gegangen ist und dagegen gestimmt hat. Und als der in Deutschland aufgewachsene und in London lebende Illustrator der Bilderbuch-Serie Grüffelo, Axel Scheffler, im letzten Jahr einen Sammelband mit Zeichnungen für ein vereintes Europa herausgab, steuerte Kerr ein Motiv bei. Es zeigt zwei ihrer bekanntesten Figuren, den Tiger aus Ein Tiger kommt zum Tee und den Kater Mog, mit Europa-Flaggen.

Doch an diesem Tag gibt es nur ein Thema, über das sie gerne reden möchte: das fabelhafte England. Im Grunde ja ein unwirtlicher Ort, könnte man meinen. "Heute ist es wunderbar, aber früher war es schrecklich. Das Essen war abstoßend! Brown Windsor Soup! Das Klima. Der Smog. Endlose Tage, wie heute", sagt sie und deutet nach draußen, auf einen tief hängenden grauen Himmel. Und trotzdem sei es ein wunderbares Land gewesen, von Anfang an: "Die Menschen waren unglaublich. Sie haben uns mit der Schule und mit Stipendien geholfen, sie haben meinen Vater akzeptiert. 1947, sobald wir konnten, wurden wir britische Bürger." British subjects sagt sie, mit seinem altmodischen Anklang an Untertanen.

"Es ist ein unglaublich tolerantes Land. Meine Familie und ich lebten während des ›Blitz‹ in London, was sehr furchteinflößend war." Und obwohl ihre Eltern mit deutschem Akzent sprachen und während der Luftangriffe auf London jede Nacht Menschen durch deutsche Bomben starben, habe niemals jemand ein unfreundliches Wort zu ihnen gesagt.

Sie schildert einen Moment, als sie während der Bombenangriffe die Stadt verlassen sollte, um sich bei einer befreundeten Familie auf dem Land auszuruhen. Als Ausländerin habe sie Reisen auf der Polizeiwache anmelden müssen. Dort eingetroffen, habe sie sich mit ihrer Mutter darüber gestritten, ob es wirklich gut sei, wegzufahren, aus Sorge, ihre Eltern nicht zu erreichen, wenn diesen in London etwas zustoßen sollte.

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