Michael Scott Moore: "Ich staune vor allem darüber, dass ich noch am Leben bin"

Der Autor Michael Scott Moore wurde in Somalia von Piraten entführt. Seine Mutter kämpfte ihn frei. Interview:
ZEITmagazin Nr. 8/2019

Berlin, 2011. Michael Scott Moore, ein deutsch-amerikanischer Autor, erzählte mir von seinen Plänen, für eine Buchrecherche nach Somalia zu fahren. Er war kein Kriegsreporter, vom Typ her ruhig und vorsichtig. Im Januar 2012 dann der Schock: Michael war in Somalia entführt worden. Die Nachrichten, die mich in den nächsten zweieinhalb Jahren zu seinem Zustand erreichten, waren spärlich. Da es eine internationale Nachrichtensperre gab, wurde sein Fall geheim gehalten. Nach seiner Freilassung im September 2014 habe ich lange gezögert, ihn nach seinen Erfahrungen zu fragen. Jetzt, wo der 49-Jährige ein Buch darüber geschrieben hat (Wir werden dich töten, Edel-Verlag), habe ich ihn um ein Gespräch gebeten, zusammen mit seiner 79-jährigen Mutter: Sie hat ihn damals freigekämpft, er ist ihr einziger Sohn. Das Gespräch mit ihnen fand an zwei Tagen in Redondo Beach, Kalifornien, statt, wo beide nun wohnen.

ZEITmagazin: Michael, haben Sie während Ihrer Geiselhaft in Somalia manchmal an Kalifornien gedacht und sich gefragt, ob Sie je wieder zurückkommen würden?

Michael Scott Moore: Die ganze Zeit. Kalifornien ist die Landschaft meiner Kindheit, ich bin in Manhattan Beach zur Schule gegangen und habe zwei Meilen weiter, in Hermosa Beach, surfen gelernt. Ich war nicht sicher, ob ich es je wiedersehen würde.

ZEITmagazin: Sie sind nach Somalia gefahren, um ein Buch über Piraten zu schreiben. Haben Sie die Gründe für die Reise später angezweifelt?

Moore: Ich würde immer noch sagen, dass wir vorsichtig vorgegangen sind: Ich hatte 2011 über den ersten Prozess gegen Piraten in Deutschland berichtet und die Reise gemeinsam mit dem Dokumentarfilmer Ashwin Raman lange geplant. Wir hatten ein großes Security-Team und waren mit einem Deutsch-Somalier unterwegs, der schon einmal einen Fernsehreporter durch die Region geführt hat. Aber als ich dann in Geiselhaft vor mich hindämmerte, habe ich mich schon gefragt: Warum bin ich eigentlich hergekommen? Keine Geschichte ist es wert, dass man dafür das eigene Leben aufs Spiel setzt. Das ist keine originelle Einsicht. Aber es ist wahr.

ZEITmagazin: War die Reise ein Fehler?

Moore: Ich würde so etwas nicht noch einmal tun. Ich staune vor allem darüber, dass ich noch am Leben bin. Dafür bin ich sehr dankbar. Sind aus dieser Erfahrung auch gute Sachen hervorgegangen? Möglich. War es die Qualen wert? Nein.

Moore und Raman recherchierten im Januar 2012 zwei Wochen lang in Somalia. Am 21. Januar flog Raman weiter nach Mogadischu, Moore wollte zwei Tage später nach Nairobi abreisen. Mit ihrem Führer, einem Übersetzer und einem bewaffneten Leibwächter fuhren sie morgens zum Flughafen von Galkayo, um Raman abzusetzen. Auf dem Rückweg wurde ihnen der Weg von einem Pick-up versperrt. Männer mit Kalaschnikows sprangen von der Ladefläche und rissen die Tür des Wagens auf, mit ihren Gewehren schlugen sie Moore auf Kopf und Handgelenk. Seine Brille zerbrach.

Marlis Saunders: Ich war an dem Tag mit Freunden zum Mittagessen verabredet, gegen 11 Uhr am Vormittag klingelte es. Vor der Tür standen fünf Männer in Anzügen. "FBI", sagten sie und zeigten mir ihre Dienstmarken. Oh nein!, dachte ich. "Ihr Sohn wurde gekidnappt!", sagten sie. Es war so ein Schock, dass ich kaum erinnere, was dann geschah. Sie waren vier oder fünf Stunden bei mir zu Hause. Dauernd klingelten ihre Handys. Wir hörten, dass Michael verletzt worden war, aber wir wussten nichts Genaueres.

ZEITmagazin: Frau Saunders, wie war es für Sie, in jener Nacht ins Bett zu gehen?

Saunders: Ich bin nicht ins Bett gegangen, weil ich sowieso nicht schlafen konnte. In den ersten Tagen habe ich immer so lange gewartet, bis mir vor Erschöpfung die Augen zugefallen sind.

Zu dieser Zeit war Piraterie vor der Küste Somalias fast alltäglich: 160-mal hatten Piraten im Jahr zuvor versucht, Handelsschiffe zu kapern, berichtet die NGO International Maritime Bureau, die alle Angriffe und versuchten Angriffe zählt. Eine andere amerikanische Geisel, die Entwicklungshelferin Jessica Buchanan, wurde vier Tage nach Moores Entführung durch ein Spezialkommando der U.S. Navy befreit. Zwei oder drei Tage später zwangen die Piraten Moore, seine Mutter anzurufen. Sie sollte eine Nachricht an die US-Regierung überbringen.

Moore: Sie meinten: "Sagt Obama, dass wir Michael umbringen, falls er jemanden schickt, um ihn zu retten." So, als ob unsere Familie einen direkten Draht zum Weißen Haus hätte!

Saunders: Die US-Soldaten hatten bei der Rettung von Jessica Buchanan neun der somalischen Wachen getötet, deswegen wollten sie 20 Millionen Dollar von Obama.

ZEITmagazin: 20 Millionen – was für eine verrückte Forderung!

Saunders: Das damals übliche Lösegeld für Geiseln lag bei ungefähr 450.000 Dollar. Aber die Piraten in Somalia waren höhere Summen gewöhnt, weil die Versicherungsfirmen von Schiffen bereit waren, viel zu bezahlen, um die Verhandlungen schnell abzuschließen.

Moore: Ich habe ihnen mehrfach gesagt: Ich bin kein Schiff!

Saunders: Sie dachten: "Wir haben einen Amerikaner. Das ist ein reiches Land." Aber für mich war klar: So viel kann ich niemals besorgen.

Moore: Piraterie ist eine eigene Form des Kapitalismus: Es gibt die Financiers, die mächtigen Männer im Hintergrund. Und die Wärter, für die das ein Job ist. Für die Bosse ist es wie ein Investment – mit einem menschlichen Produkt.

ZEITmagazin: Was hat Ihnen das FBI geraten?

Saunders: Sie haben gesagt, dass wir den Piraten immer wieder sagen müssten, dass die amerikanische Regierung nichts bezahlen wird. Das hat sie noch nie getan, und das wird sie auch nie tun. Also fällt alles auf mich zurück. Auf mich, eine 72-jährige Rentnerin.

Michael Scott Moore hat einen amerikanischen und einen deutschen Pass, FBI und Bundeskriminalamt tauschten während seiner Entführung Informationen aus. Auch der Spiegel, für den Moore früher frei gearbeitet hatte, setzte sich bei der Bundesregierung für ihn ein. Die Amerikaner vertreten eine strikte Politik: kein Lösegeld, keine Verhandlungen mit Geiselnehmern oder Terroristen. Offiziell zahlt die Bundesregierung ebenfalls kein Lösegeld.

ZEITmagazin: Frau Saunders, wie war es für Sie, mit den Piraten zu verhandeln?

Saunders: Jedes Mal, wenn ich mit ihnen gesprochen habe, wurde ich fast verrückt vor Angst. Ich stand unter enormem Druck, das Richtige zu sagen. Ich wollte sie davon überzeugen, mich mit Michael reden zu lassen, ich wollte einen Beweis, dass er noch am Leben war. In den ersten Monaten riefen sie sehr sporadisch an, manchmal meldeten sie sich wochenlang nicht.

Kommentare

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witzig..lese gerade sein Buch über die Geiselhaft..kaum ein spannenderes Werk gelesen