Seesack Alter Sack

© Peter Langer
Aus der Serie: Stilkolumne ZEITmagazin Nr. 8/2019

Mittlerweile hat sich der Rollkoffer als Transportmittel flächendeckend durchgesetzt. So ein Trolley ist praktisch und spart Kräfte, man zieht sein Gepäck hinter sich her, als würde man mit einem Dackel spazieren gehen. Leider ist das auch die Botschaft, die solch ein Ding aussendet: Ich habe es gern einfach, ich mache mir nicht gern Mühe, und außerdem meide ich Orte, die von der Geländegängigkeit her anspruchsvoller sind als eine Abflughalle. Kein Wunder also, dass nun nach würdevolleren Möglichkeiten gesucht wird, Gepäck zu transportieren – wie etwa in Form der übergroßen Rucksäcke, die sich in den Kollektionen von Givenchy, Loewe und Maison Margiela finden. Sie erinnern an Seesäcke und damit an Zeiten, in denen man tatsächlich seine ganze Habe mit sich herumtragen konnte.

Die Geschichte des Seesacks geht bis in das 17. Jahrhundert zurück. Vorher wurden zwar bereits Rucksäcke und Ähnliches aus Tierhaut gefertigt, diese waren jedoch wasserdurchlässig, sodass der Inhalt der Säcke auf Schiffen ständig der Nässe ausgesetzt war. Weil die Rucksäcke der Seeleute zudem oft beschädigt wurden, half man sich mit Grobgewebe, das eigentlich dazu benutzt wurde, die Segel des Schiffes zu reparieren. Das Gewebe war gegen Salzwasser, Hitze und Regen resistent und wurde nur an einem einzigen Ort hergestellt: Duffel in Belgien. Daher auch die englische Bezeichnung duffle bag für den Seesack.

Was die Seeleute ursprünglich selbst zusammenflickten, wurde später in Duffel gefertigt und beim Militär eingesetzt. Die Soldaten-Säcke waren circa einen halben Meter lang und bräunlich, sie hatten Schnürlöcher aus Messing und einen Sattelgurt als Tragriemen. Nach und nach wurden die Säcke kleiner und dadurch einfacher zu transportieren. Im Zweiten Weltkrieg benutzte das amerikanische Militär ausschließlich Säcke aus olivfarbenem Kreuzgewebe mit zwei Tragegurten, die es wesentlicher leichter machten, schwere Ausrüstungen zu tragen. Oft wurden die Säcke, beladen mit Ausrüstung, in den Schützengräben zurückgelassen.

Noch heute ist der Seesack Teil der militärischen Ausrüstung. Seit den Sechzigerjahren ist er aber auch bei Zivilisten sehr beliebt. Wer einen duffle bag trägt, schleppt die Last der Existenz mit sich herum. Er demonstriert Abenteuerlust und erweckt den Eindruck, ihm reiche das Notwendigste aus. Außerdem demonstriert man Unabhängigkeit, denn mit einem Seesack ist man nicht auf glatte Flächen oder Flughäfen angewiesen, um weiterzukommen. Die ganze Welt steht einem offen!

Foto: Peter Langer / Tragbar: Duffle-Rucksack von OAMC

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