Anglerweste: Wilde Westen

© Peter Langer
Aus der Serie: Stilkolumne ZEITmagazin Nr. 9/2019

Manche Kleidungsstücke sind so selbstverständlich, dass man sich schwer vorstellen kann, dass es mal eine Zeit gab, in der man ohne sie auskommen musste. Die Anglerweste ist so ein Teil. Wie sollten Angler ohne die mit vielen Taschen versehene, meist beigefarbene Weste überhaupt fähig gewesen sein, einen einzigen Fisch zu fangen?

Dabei ist die Anglerweste jünger als der Bikini. Sie wurde 1960 von der Hutfabrikantin Gertrude Boyles erfunden. Die Entwicklung der Anglerweste machte Boyles’ Unternehmen Columbia von einer Kopfbedeckungsmarke zu einem Outdoorbekleidungshersteller. Gerade in den USA fand die Weste reißenden Absatz. Ihr Geheimnis (und das Geheimnis vieler anderer Ausrüstungskleidungsstücke): Sie macht Spaß, auch ohne dass man einen Haken ins Wasser taucht.

Denn Fische zu angeln ist ein unsicheres Unterfangen. Es hängt von vielen Faktoren ab, ob man etwas fängt. Man muss im richtigen Gewässer zur richtigen Zeit in der richtigen Tiefe dem richtigen Fisch den passenden Köder bereitstellen. Und dann braucht man auch noch Glück. Angeln besteht also hauptsächlich darin, keine Fische zu fangen. Man sieht einfach aus wie jemand, der einen Wurm ins Wasser hält. Von außen ist schwer zu erkennen, ob man nun ein Profi ist oder Amateur. Außer man besitzt die entsprechende Ausrüstung. Wer würde ohne triftigen Grund ein Teil anziehen, das über und über mir sackigen Taschen bestückt ist? Noch dazu, wenn jede dieser Taschen mit unappetitlichem Inhalt gefüllt ist: Schnüren, spitzen Haken, Tüten mit Gewürm. Niemand würde so etwas anziehen, wenn er nicht eine wichtige Mission zu erfüllen hätte. Und diese Mission enthebt den Angler aller modischen Verpflichtungen. Sein Outfit ist gemacht, um Fische zu fangen, nicht um Menschen zu gefallen. Wer eine Anglerweste trägt, befindet sich immer irgendwie in der Wildnis, selbst wenn er an einem Kanalufer mitten in der Stadt steht.

Nun ist die Anglerweste zunehmend auf den Laufstegen zu sehen: moosgrüne Anglerwesten bei Sacai, Nylon-Anglerwesten bei Fay und karierte Westen bei Gucci. Selbst bei Chanel hat eine Weste so viele Taschen, als hätte Karl Lagerfeld beim Entwerfen einen Angler vor Augen gehabt. Was macht dieses wenig schöne Kleidungsstück plötzlich so attraktiv? Vielleicht das Selbstbewusstsein, das man aufbringen muss, um so etwas zu tragen. Wer freiwillig als Taschenkrebs durch die Welt geht, der demonstriert wahre Unabhängigkeit. Man zeigt, dass einem herzlich egal ist, was andere vom eigenen Outfit halten. Schade nur für all die wackeren echten Angler. Sie könnten bald für Modefuzzis gehalten werden.

Foto: Peter Langer / Diese Sache hat keinen Haken: Anglerweste von Fay

Kommentare

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Naja, wenn ich mir die ganzen urbanen Outdoor Fetischisten ansehe die in kompletter Outdoorfunktionskleidung durch die Innenstädte laufen, dann kann ich nur lächeln. Das ist eben der Trend der Zeit, die Stadt verkommt zum survivalcamp, der Rentner mit der kompletten Mountainbikeausrüstung, der Schein muss stimmen. Deshalb macht es auch Sinn das die Weste mal wieder zum modischen Trendsetter wird.