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Dolly Alderton "Ein natürliches Verhältnis zu Männern aufzubauen gehört zu den großen Übungen meines Erwachsenseins"

Die britische Autorin Dolly Alderton hat ein Buch über ihr Leben geschrieben – und über die Frauen, mit denen sie es teilt. In Großbritannien wurde "Alles, was ich weiß über die Liebe" ein großer Erfolg, jetzt erscheint es auf Deutsch. Ein Gespräch über die Stärke von Frauenfreundschaften und darüber, woran sie zerbrechen. Interview:
ZEITmagazin Nr. 9/2019

ZEITmagazin: Frau Alderton, in Ihrer Autobiografie Alles, was ich weiß über die Liebe, die gerade auf Deutsch erschienen ist, beschreiben Sie vor allem Ihre Zeit an der Universität, den Eintritt ins Berufsleben und die engen Freundschaften, die Sie in diesen Jahren schlossen. Als Sie das Buch schrieben, waren Sie 28. Was hat Sie dazu veranlasst, so jung auf Ihr Leben zurückzublicken?

Dolly Alderton: Ich habe meine Zwanziger als eine überwältigende Zeit empfunden. Und damit meine ich vor allem jene Phase, in der ich anfing, als freie Autorin zu arbeiten, und mit meinen Freundinnen in meine erste richtige Wohnung zog, so mit 22 oder 23. Dieser Eintritt ins Erwachsensein war für mich eine außergewöhnliche Erfahrung: sehr schwierig, aufregend und so anders als das, was ich mir vorgestellt hatte. Jetzt bin ich 30, die Zeit damals fühlt sich an wie eine andere Ära. Es fällt mir schwer, das Buch heute zu lesen.

ZEITmagazin: Warum?

Alderton: Ich habe das Gefühl, mich jetzt in einer Phase der Genesung von meinen Zwanzigern zu befinden. Das klingt dramatisch, aber ich glaube, vielen geht es so, wenn sie das erste Kapitel jungen Erwachsenseins abschließen. Es fühlte sich in dieser Zeit so an, als würden ständig sehr bedeutsame Dinge passieren. Und ich hatte nie Geld. Das ging all meinen Freundinnen so. Wir lebten von unseren ersten, sehr niedrigen Gehältern in London. Als wir zusammen wohnten, war das eine sehr verbindende, aber auch sehr stressige Erfahrung. Eine Woche bevor das nächste Gehalt kam, durchsuchten wir unsere Handtaschen nach dem letzten Kleingeld, um etwas fürs Abendessen einkaufen zu können. Mir ist klar, dass es vielen Leuten so geht, und ich obendrein eine privilegierte Person aus der Mittelschicht bin. Aber diese ganze Zeit habe ich einfach als extrem intensiv erlebt. Darüber wollte ich schreiben.

ZEITmagazin: Ein Satz, der für mich die Botschaft Ihres Buchs gut zusammenfasst, ist dieser: "Beinahe alles, was ich über die Liebe weiß, habe ich in meinen langjährigen Freundschaften mit Frauen gelernt." In einer Episode Ihres Podcasts Love Stories, der zu dem Buch produziert wurde, sagen Sie außerdem, dass Sie sich vor allem in Frauen verlieben. Sie machen deutlich, dass das platonisch gemeint ist, aber trotzdem: Was hat es damit auf sich?

Alderton: Ich war auf einer Mädchenschule. Bis auf meinen jüngeren Bruder gab es meine ganze Kindheit und Jugend über so gut wie keine Jungs in meinem Leben. Ich kann verstehen, warum Leute ihre Kinder auf gleichgeschlechtliche Schulen schicken. Persönlich würde ich das, nach meiner Erfahrung, allerdings nicht machen. Es ist eine total unnatürliche Blase, in der man einen jungen Menschen da heranzieht. In meiner ersten Therapiesitzung fragte mich die Psychotherapeutin, ob ich eigentlich heterosexuelle männliche Freunde habe. Ich antwortete darauf, dass ich irgendwie nichts mit Männern anfangen kann, es sei denn, es geht um eine romantische Beziehung.

ZEITmagazin: Hat sich Ihre Einstellung zu Männern seither verändert?

Alderton: Das ist für mich eine der großen Übungen des Erwachsenseins: zu Männern ein natürliches Verhältnis aufzubauen, das weder sexuell noch romantisch ist. Ich hinke in diesem Bereich wirklich hinterher. Wohin ich gehe, immer lerne ich Frauen kennen. Im Restaurant freunde ich mich mit der Kellnerin an. Mit der Frau, die mir die Beine wachst, schreibe ich mir den ganzen Monat über Textnachrichten. Wenn ich etwas mit einem Mann anfange, wird seine Schwester meine neue beste Freundin. Frauen sind für mich nicht das Problem. Ich finde es sehr einfach, mit ihnen Intimität und Verletzlichkeit zu teilen. Mit Männern ist das für mich schwierig.

ZEITmagazin: Sie beschreiben in einem längeren Kapitel in Ihrem Buch, wie sich die Beziehung zu Ihrer besten Freundin Farly veränderte, als die ihren ersten Freund kennenlernte.

Alderton: Wir haben damals beide Fehler gemacht. Ich war besitzergreifend, sie gedankenlos. Wir kannten uns seit unserer Kindheit, und plötzlich verließ mich dieser Teil meines Lebens. Sie war sieben Jahre lang mit diesem Mann zusammen, in dieser Zeit habe ich mich gefühlt, als hätte man mir einen Arm abgeschnitten. Wir sprechen heute noch darüber, wir sind immer noch im Heilungsprozess.

ZEITmagazin: Die ganzen sieben Jahre lang haben Sie sich so gefühlt?

Alderton: Überwiegend, ja. Ich war Farly gegenüber durchaus auch sehr kindisch: Ich hatte unrealistische Vorstellungen davon, wie sich die Dinge im Leben ändern, und verlangte zu viel von ihr. Und sie wurde von ihrer ersten Beziehung so in Anspruch genommen, dass sie nicht mehr viel an mich dachte. Ich glaube, wir sind beide dankbar, dass uns das passiert ist, als wir jung waren, sodass wir beide daraus lernen konnten. Das Problem ist in meinen Augen, dass vor allem wir Frauen unsere Freundschaften oft als einen Raum betrachten, in dem wir uns aufhalten, während wir auf die große Liebe warten. Das halte ich für falsch.

ZEITmagazin: Im Buch schreiben Sie, dass Sie Farly damals vorwarfen, in ihrem Leben nur die "Vorband" zu sein.

Alderton: Ja. Für mich dagegen war sie immer der große Star. Uns wird ständig eingetrichtert, das große Ziel einer Frau sei es, von einem Partner ausgewählt zu werden. Das stimmt aber nicht. Man muss in seinem Leben Raum für unterschiedliche Arten von Liebe haben, und sie müssen alle gleich wichtig sein. Unsere Großeltern, teils sogar noch unsere Eltern, glaubten ja, dass der Ehemann oder die Ehefrau im Leben das Allerwichtigste sei, dem alles andere untergeordnet werden müsse. Diese Zeiten sind vorbei.

ZEITmagazin: Warum neigen die meisten Menschen trotzdem immer noch dazu, die romantische Liebe zu priorisieren?

Alderton: Zunächst einmal denke ich, dass das vor allem für Frauen gilt, nicht für Männer. Frauen werden vom Tag ihrer Geburt an von einem Romantik-Kult indoktriniert. In den Märchenfilmen, die wir als Kleinkinder schauen, der Werbung, die wir sehen, den romantischen Komödien, die wir uns als Teenager anschauen – überall wird uns vermittelt, dass wir nicht liebenswert sind und das Leben sinnlos ist, solange wir nicht von einem Mann ausgewählt werden. Und wir alle, auch ich, neigen dann dazu, alles andere schleifen zu lassen, sobald wir endlich ausgewählt worden sind. Ich denke nicht mehr an die Arbeit, mir ist es egal, wenn eine Freundin sauer auf mich ist oder dass ich meine Mutter seit einem Monat nicht angerufen habe. Ich bin besessen von der Person, die mich ausgewählt hat. Natürlich hängt dieses Denken auch mit dem biologischen Imperativ zusammen, der Frauen sagt: Kriegt Kinder! Sosehr sie ihre Freundinnen lieben, Kinder können sie ihnen eben nicht schenken.

ZEITmagazin: Wie schaffen Sie es, sich nicht voll und ganz von der romantischen Liebe einnehmen zu lassen?

Alderton: Ich glaube, wir müssen uns "entprogrammieren", um uns von diesem Kult zu lösen. Ich habe gerade wieder angefangen, auf Dates zu gehen, nachdem ich mir eine eineinhalbjährige Dating-Pause auferlegt hatte, und jetzt hinterfrage ich ständig meine Gefühle und Impulse. Wenn ich einen Mann etwa zum fünften Mal getroffen habe, wir einen schönen Abend hatten und er mir am nächsten Tag schreibt: "Ich will dich heute Abend wiedersehen", dann ist es mein erster Impuls zu denken: "Ja, Liebe! Aufmerksamkeit! Schnapp sie dir, solange du kannst!" Aber dann zwinge ich mich, rational zu sein, und erinnere mich daran, dass ich noch eine Deadline habe oder mit einer Freundin verabredet bin. Meine neue Beziehung hat nicht das Recht, alles andere zu verdrängen, nur weil sie romantischer Natur ist.

Kommentare

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Na Hauptsache, man hat gemeckert. Und natürlich die erste Seite gelesen, damit man "Erster!!!" ist.
Sind Sie ein Mann?
Dann können Sie hier wohl kaum mitreden.
Ich finde nicht alles, aber vieles in diesem Interview sehr authentisch und auch sehr schonungslos offen dargestellt. Ich finde schon, dass viele Frauenfreundschaften sehr anders sind als die von Männern und man kann da auch jeweils sicherlich vom anderen Geschlecht lernen. Auch darum ist es wichtig, sich als Frau auch mit Männern anzufreunden.