Die großen Fragen der Liebe: Neidet sie ihm seine Gemütlichkeit?

Eine Kolumne von
Aus der Serie: Liebeskolumne ZEITmagazin Nr. 9/2019

Die Frage: Bevor sie Eltern wurden, haben Carolin und Max behauptet, sie seien der Beweis für die Anziehungskraft der Gegensätze. Max ist groß, kräftig und behäbig, Carolin ist klein, zierlich und aufgedreht. Bis Max sich entscheidet, ein Problem anzusprechen, hat Carolin schon zwei Lösungen. Wenn Max kocht, spült er erst am nächsten Vormittag ab. Nach der Geburt der Tochter Sofia beklagt er sich häufiger über Carolins Temperament. Sie schreit ihn an, wenn er Sofia morgens zu langsam für den Kindergarten fertig macht. Oder wenn er vergisst, ihr die Zähne zu putzen. Danach entschuldigt sie sich: "Früher fand ich es gut, dass du die Ruhe weg hast. Jetzt nervt es mich!" Max sagt: "Vielleicht bist du neidisch darauf, dass ich es gemütlicher angehe?"

Wolfgang Schmidbauer antwortet: Obwohl sein Verdacht zutreffen könnte, sollte Max ihn nicht äußern, sondern als Weg nutzen, Carolin besser zu verstehen. Es gehört zu den Gefühls-Ungerechtigkeiten des Lebens, dass manche Menschen angesichts einer Fülle unerledigter Aufgaben ihren inneren Frieden behalten, während andere immer hektischer werden. Max bringt das Morgenchaos einer Familie mit trödelndem Kind nicht aus der Ruhe; das weckt in Carolin den Wunsch, auch ihn zu beschleunigen. Wenn sie danach wieder für gute Stimmung sorgt, tut sie das ihr Mögliche. Max sollte ihr Friedensangebot annehmen und nicht versuchen, ihr mehr Ruhe einzupflanzen. Beide brauchen Anerkennung, um sich zu versichern, dass Eltern nicht perfekt sein müssen. Über die Frage zu räsonieren, wer neidisch ist, macht die Lage nicht besser.

Wolfgang Schmidbauer ist einer der bekanntesten deutschen Paartherapeuten. Was er in seiner täglichen Praxis erfährt, lesen Sie im Interview mit ZEIT ONLINE. Zuletzt erschien sein Buch "Raubbau an der Seele. Psychogramm einer überforderten Gesellschaft" (oekom verlag).

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