Gefühle: "Irgendwie habe ich gerade gar keine Lust"

© Aline Zalko
Der Vater ist ausgeglichen, die Tochter leidet unter Stimmungsschwankungen. Wobei – leidet sie tatsächlich? Oder ist ihre Welt nicht vielmehr bunter und interessanter? Von
Aus der Serie: Prüfers Töchter ZEITmagazin Nr. 9/2019

Manchmal melde ich mich bei Luna, und wir reden lange und vergnügt am Telefon. Wir verabreden uns für den nächsten Tag zu irgendetwas. Am nächsten Tag rufe ich an und will ein Detail klären, zum Beispiel wann wir uns wo genau treffen. Ich höre jedoch in der Telefonleitung lange nichts und dann so etwas wie "Ich weiß nicht recht ... irgendwie habe ich gerade gar keine Lust."

Was ist in der Zwischenzeit passiert? Nichts. Jedenfalls nichts, was man hätte sehen können. Meiner Tochter ist kein Unglück widerfahren, niemand hat sie beschimpft – aber die Stimmung ist plötzlich ruiniert. Und die Stimme meiner ältesten Tochter hört sich an, als würde sie vom Grunde eines Brunnens ertönen. Dann frage ich: "Was ist denn los?" Und bekomme zur Antwort: "Nichts ... Alles."

Wenn man mich fragt, wie es mir geht, dann sage ich "gut". Oder: "ganz gut". Und das ist in den meisten Fällen nicht einmal gelogen. Es geht mir mal gut, mal schlecht, im Jahresschnitt also mittel, so wie die mittlere Jahrestemperatur in Berlin 13,1 Grad ist. Luna kann hingegen eine Temperaturkurve des ganzen Tages erklären. Morgens wachte sie auf und fühlte sich ziemlich mies. Dann ging sie in den Tag, und es wurde besser. Sie hatte ein wirklich gutes Gespräch mit einem Freund, und das war einfach großartig. Dann ging sie einkaufen, geriet in ein heilloses Menschengedränge – und die Stimmung war im Eimer. Und vielleicht rufe ich in genau so einem Moment an.

Ich bin dann erst einmal beleidigt, denn ich habe ja nichts gemacht. Ich finde, ich rufe in guter Absicht nach fester Absprache an. Da habe ich doch das Recht, eine aufgeräumte Stimme am anderen Ende zu hören, oder? Andererseits geschieht es auch, dass wir uns treffen und Luna mich in einem Strudel von Euphorie mitreißt. Weil sie am Vortag einen "tollen Menschen" kennengelernt hat. Oder jemand ihr ein sehr schönes Kompliment gemacht hat. Dann bin ich sehr neidisch auf meine Tochter. Denn wann habe ich das letzte Mal das Gefühl gehabt, ich hätte jemanden getroffen, der mein Leben verändern könnte? Wann habe ich überhaupt zuletzt ein ganz großes Gefühl gehabt, im Guten wie im Schlechten? Luna sagt, dass sie manchmal direkt die Stimmung anderer Menschen in sich spüre. Wenn es ihnen gut geht, kann sie die Freude in sich spüren. Wenn sie leiden, leidet Luna mit. Wenn Luna einen Brief liest, kann sie das so berühren, dass ihr die Tränen kommen.

Ich frage mich manchmal, ob ich in all den Jahren, die ich meiner Tochter voraus bin, wirklich so viel weiter gekommen bin – wenn ich doch offenbar so viele Empfindungen auf dem Weg verloren habe.

Neben meiner Tochter fühle ich mich manchmal wie jemand, der nur Grautöne erkennen kann, während sie das gesamte Farbspektrum vor sich hat. Wir können das Gleiche sehen, hören, schmecken – aber sie erlebt mehr. Ich fühle mich dann so – mittel eben.

Eines wiederum habe ich meiner Tochter doch voraus: Wenn wir uns nämlich dann trotzdem verabreden, obgleich sie nicht recht weiß oder will, mache ich auf dem Weg bei einem Sushi-Laden halt und bringe ihr eine Misosuppe mit. Warme Suppe, das weiß ich, macht die Dinge meistens besser. Und wie extrem man sich auch gerade fühlt – es gibt meistens einen Weg zur Mitte. Und die ist halt so ganz okay.

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