Harald Martenstein Über das Alter

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Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 9/2019

Ich war bei der Rentenversicherung und habe meinen Rentenantrag eingereicht. Dies ist ein biografischer Plot-Point, wie schon Kaiser Aristoteles gesagt hat – jawohl, ich vermische seit Jahren Zeiten und Stilebenen, zum Lohn dafür kriege ich jetzt 1500 Euro Rente netto. Das ist in etwa die Summe, die ich im Alter regelmäßig bei meinem Stammitaliener als Trinkgeld geben würde, wenn ich Fernsehredakteur geworden wäre. Meine Entscheidung! Als Entschädigung durfte ich mich nämlich bei der Arbeit räuspern, so oft ich wollte, vor der Kamera geht das nicht. Außerdem habe ich als Denkmal des rebellischen, moralisch fragwürdigen und drogenaffinen Printjournalismus alter Schule im Büro geraucht, obwohl es verboten war. Der Betriebsratsvorsitzende rief an und sagte: "Wann genau gehst du? Ich persönlich hätte dich wegen des Rauchens am liebsten erschießen lassen." Am letzten Tag kriege ich einen Blumenstrauß.

Der Besuch bei der Rentenversicherung war unglaublich. Nettes Ambiente, kurze Wartezeiten, nur freundliche Menschen, gut bestückte Zeitschriftenecke, geleerte Mülleimer, ich dachte, das kann doch nicht Berlin sein. Warum lösen sie Berlin als Kommune nicht auf und übergeben es in die Verwaltung der Rentenversicherung? Als ich durch die Flure zur Toilette ging, kam eine Mitarbeiterin auf mich zu und fragte lächelnd: "Suchen Sie etwas? Darf ich Ihnen behilflich sein?" Es war so schön bei der Rentenversicherung, mir sind fast die Tränen gekommen. Zum Sterben komme ich wieder da hin, das steht fest.

Autoren werden im Alter nicht zwangsläufig schlechter. Eher ist das Gegenteil der Fall, weil einem ziemlich vieles allmählich egal wird und weil Erfahrung ein Pluspunkt ist, anders als beim Lapdance oder beim Memory. Als alternder Autor in einer alternden Gesellschaft ist man sowieso der King, so wie es in einer bigotten Gesellschaft ja auch immer hilft, selbst bigott zu sein. Blätter, die ausschließlich auf junge Leser spekulieren, sind in Burkina Faso besser aufgehoben, da gibt es reichlich Teenies. Trotzdem habe ich mit einer Kolumne aufgehört, die ich jahrelang über die Berlinale geschrieben hatte und die mir keinen Spaß mehr machte. Ein bisschen Spaß muss sein. Dann las ich in einem Newsletter meiner Zeitung, bezogen auf diesen Personalwechsel, den triumphalen Satz: "Ein Jahr vor der Berlinale-Erneuerung haben wir die Verjüngung bereits vollzogen."

Wir? Vollzogen? Wenn jemand was vollzogen hatte, dann ich selbst. Meine eigene Zeitung legte also nahe, dass ich als Verjüngungsmaßnahme gefeuert worden sei. Am liebsten hätte ich die Person erschießen lassen, die das geschrieben hatte. Dann darf sie im Jenseits mit Amy Winehouse ein Duett singen. Falls "Verjüngung" ein Erfolgsrezept ist, dann hätte die ZEIT mal rechtzeitig Helmut Schmidt gegen Lena Meyer-Landrut austauschen sollen.

Ein bisschen Arroganz hilft in solchen Krisen. Die Jungen wollen unsere Jobs, das ist klar. Wir Alten sind besser, auch klar. Wir wissen mehr, sogar über unsere Defizite. Wir haben die gleiche Geschichte schon mal andersrum erlebt, als wir die Youngsters gewesen sind. Was für Dummerchen wir damals doch waren! Eines Tages, sehr bald, werden die und wir sowieso auf dem gleichen Friedhof liegen, und wir, eine Etage tiefer, werden rufen: "Sic transit gloria mundi." Die bildungsfernen Neuen werden natürlich keine Ahnung haben, was der Satz heißt. My generation wird sich mit den Ellbogen anstoßen, und wir werden mit unseren zahnlosen Kieferknochen kichern: "Der Friedhof verjüngt sich."

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