Jeff Bezos: Über sympathische Leaks

© Todd Williamson/Getty Images
Aus der Serie: Gesellschaftskritik ZEITmagazin Nr. 9/2019

Es gibt Enthüllungen, die mögen sich zwar für den Betroffenen peinlich anfühlen, lassen diesen aber in der Öffentlichkeit sympathischer erscheinen als vorher. Das bekannteste Beispiel ist das abgehörte Telefonat, in dem Prince Charles kundtat, am liebsten als Camillas Tampon weiterleben zu wollen. Auf den ersten Blick fürchterlich, auf den zweiten Blick die rührend-regressive Regung eines Mannes, der seine Kindheit hinter zugigen Internatsmauern in Nordschottland verbringen musste. Wer könnte nicht verstehen, dass so einer es später einfach nur noch warm haben will? Irgendwann werden von Prince Charles zwei Sätze bleiben: "Whatever love means" (zur Presse bei der Verlobung mit Diana) und der Tampon-Satz. (Im Grunde ist Satz #2 eine Art Antwort auf Satz #1, aber das nur nebenbei.)

Wer uns jetzt auch durch einen Leak völlig unerwartet ans Herz gewachsen ist: der Amazon-Gründer Jeff Bezos. Der Öffentlichkeit bisher vor allem bekannt als Milliardär, der Buchhandlungen auf dem Gewissen hat und dessen Firma in Europa jahrelang viel zu wenig Steuern bezahlt hat. Jetzt lässt er sich nach 25 Jahren scheiden und tauscht mit seiner neuen Freundin Lauren Sánchez verliebte SMS aus, die irgendwer dem Schundblättchen National Enquirer zugespielt hat – und die dort prompt abgedruckt wurden. Bezos ist außer sich, hat sogar einen Ermittler engagiert, um den Verräter zu kriegen. "Sleazy", schreiben die Amerikaner zu den SMS, also versaut, was uns natürlich sofort zum Lesen animiert hat.

"I love you, alive girl", schreibt Jeff an seine Freundin, die als Schauspielerin, Helikopterpilotin und Unternehmerin eine Art Action-Heldinnen-Leben führt. Das ist ja schon mal süß! "Lebendiges Mädchen" hat was Nettes, weil er die Lebendigkeit seiner Freundin hervorhebt und nicht etwa ihr Aussehen, ihre Sexyness oder sie einfach gedankenlos als "Darling" o. Ä. bezeichnet. Und dann weiter: "I will show you with my body, and my lips and my eyes, very soon." Auch nett, weil er Sex als einen Ausdruck von Liebe deutet. Besonders nett, weil es von einem Tycoon kommt, dem Mitglied einer Kaste also, von der man erwartet, dass sie sich über Scheidungen eher mit Kokain-Orgien in Moskau hinwegtröstet. Aber nein: "I want to smell you, I want to breathe you in. I want to hold you tight. I want to kiss your lips. I love you. I am in love with you." Ehrlich, das ist null sleazy! Das sind einfach ein paar nette Sätze eines Verliebten, der sich sogar die Mühe macht, einen Unterschied zwischen lieben und verliebt sein zu machen, um dann zu erklären, auf ihn treffe beides zu. Jeff, das ist supersüß. Das lebendige Mädchen hat wirklich Glück gehabt. An die Buchhandlungen denken wir schon gar nicht mehr.

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