Matthias Matschke "Aber da sehe ich, dass Angela Merkel zu meiner Mutter geworden ist"

© Peter Rigaud
Aus der Serie: Ich habe einen Traum ZEITmagazin Nr. 9/2019

Spät am Abend erreicht mich eine SMS. Eine Freundin schreibt mir: Habe gerade von Dir und Angela Merkel geträumt. Ihr wart wandern! Ich schlafe ein und träume, dass ich ihr antworte: Du hattest einen Kettentraum. Du hattest diesen Traum, und nun träume ich ihn, und wer ihn immer weiterträgt, ist Angela Merkel. Sie hat sich vorgenommen, mit jedem Deutschen eine Nacht zu wandern.

Ich frage: Frau Merkel, das ist schön, ich wandere gern, aber wie werden die Kosten finanziert? EU-Gelder?

Sie sagt: Das interessiert mich privat.

Ich frage: Was jetzt?

Sie sagt: Na, mit Ihnen zu wandern.

Ich bin geschmeichelt und frage: Wohin wandern wir denn? Mark Brandenburg, Fontane, Heimat?

Merkels Blick verfinstert sich: Was soll das heißen?

Ich erröte: Na ja, weil ... äh, es nahe liegt, inhaltlich und örtlich. Sie kommen von da, und ich komme ja aus Berlin ...

Aber nicht ursprünglich, ruft sie sanft.

Und in der Tat sehe ich, dass wir auf dem Weg zwischen Wembach-Hahn, dem hessischen Dorf, in dem ich aufgewachsen bin, und der Veste Otzberg, einer Burg im Odenwald, laufen. Dass Frau Merkel die Siebzigerjahre-Wanderurlaub-in-Bayern-Lederhosen meines Vaters trägt, wundert mich nicht.

Wissen Sie, sage ich, ich freue mich, dass wir beide wandern ...

Und sie ergänzt mit meiner Stimme: ... aber die Hose hat mein Vater getragen, als wir mit der 8c einen Ausflug zur Villa Haselburg, einer alten römischen Villa im Odenwald, gemacht haben und er als Elternsprecher zur Unterstützung dabei war. Die Hose war so peinlich und das rot-weiß karierte Hemd auch.

Ja, sage ich. Ich frage nicht, woher sie das weiß – sie ist eine Respektsperson und weiß mehr. Und das ärgert mich. Typisch ich, dass ich denke, dass Respektspersonen mehr wissen!

Merkel sagt: Mein Knie tut weh, und ich weiß nicht, ob wir es heute noch bis zur Haselburg schaffen.

Ich sage: Wir schaffen das.

Mit still strafender Trockenheit antwortet sie: Lustig.

Ich schäme mich, möchte ihr sagen, dass ich stolz bin, dass sie die Flüchtlinge aufgenommen hat, dass ich sie für eines der wenigen Staatsoberhäupter halte, die damals nach bestem Wissen und Gewissen und damit angemessen gehandelt haben. Aber da sehe ich, dass Angela Merkel zu meiner Mutter geworden ist.

Matthi, sagt meine Mutter, sie trägt jetzt die Merkel-Papa-Lederhose, zur römischen Villa ist es heute zu weit, aber zum Otzberg schaffen wir es. Genauer: Wir sind schon da.

Stimmt! Da gibt es einen Brunnen, 85 Meter tief, von mir persönlich als Zwölfjährigem durch Steinchenwurf nachgemessen.

Meine Mutter sagt: Diesmal habe ich Licht dabei. Sie lässt eine leuchtende Glühbirne an einem Kabel herunter, bis kurz über die schimmernde Wasseroberfläche.

Lux lucet in tenebris denke ich noch, dann ist der Traum aus.

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