Mi-Parti Narrenfreiheit

© Peter Langer
Aus der Serie: Stilkolumne ZEITmagazin Nr. 10/2019

In einer der frühen Kollektionen von Yves Saint Laurent tauchte ein Kleidungsstück auf, das neuartig war, gleichzeitig aber an längst vergangene Zeiten erinnerte: ein Blazer, dessen eine Hälfte weiß und die andere schwarz war. So wie man es von mittelalterlichen Hofnarren oder Figuren aus dem Karneval kannte. In den jüngsten Modekollektionen ist wieder eine solche Farbaufteilung zu erkennen, Mi-Parti genannt. Bei Jil Sander zum Beispiel eine Bluse, deren eine Hälfte schwarz, die andere beige ist. Bei Givenchy ein Kleid, das in goldgelbe und weiße Viertel aufgeteilt zu sein scheint. Bei Pucci sehen wir ein Kleid, halb flieder, halb türkisgrün, und Haider Ackermann hat ein weites Oberteil in der Kollektion, das halb grün und halb weiß ist.

Woher kommt diese Farbsprache? Im Mittelalter, als es noch sehr aufwendig war, Kleider zu färben, galt es als Statussymbol der höheren Stände, mehrere Farben am Leib tragen zu können. Diese vertikale Farbaufteilung war vor allen Dingen an Strümpfen zu beobachten. Etwa war ein Strumpfbein rot und das andere blau. Ab dem 12. Jahrhundert wurde auch die Oberbekleidung zweifarbig getragen. Vor allem Männer wollten damit hervorstechen. Die extreme Form der Farbvielfalt war oft an Musikern und Gauklern zu sehen, weshalb sie auch heute noch ein wichtiger Bestandteil des Narrenkostüms ist.

Der mittelalterliche Hofnarr sollte das komische Ebenbild des Königs darstellen. Hierzu trug er bei der Arbeit meist wertvolle, bunte Kleidung. Als Einziger bei Hofe durfte er sich die Freiheit herausnehmen, den König zu beschimpfen oder lächerlich zu machen, er besaß Narrenfreiheit. Man musste ihn andererseits nicht ernst nehmen, er war ja nur ein Narr. Insofern war er ein wichtiges Korrektiv in der Ständegesellschaft, denn er konnte dem Herrscher als Narretei getarnte Wahrheiten sagen, etwa, was man im Volk von ihm denkt. Weil der Narr zwischen unten und oben ausglich, bezieht sich auch die Karnevalstradition auf ihn. Bis heute ist eines ihrer wichtigsten Merkmale das Gleichheitsprinzip: Hinter der Maskerade verschwimmen die gesellschaftlichen Grenzen.

Besonders im Mittelalter und in der Renaissance wurde Karneval ausschweifend gefeiert. Zu den Zeiten, in denen der Stand einer Person sehr wichtig war, bot der Karneval die einzige Möglichkeit, Grenzen zu überschreiten. Heute ist es umgekehrt, die Grenzen der Stände sind offiziell aufgehoben, aber die unsichtbaren Grenzen der Gesellschaft schwer zu überwinden. Und die Mi-Parti-Garderobe, die auf den Laufstegen gezeigt wird, ist so kostspielig, dass man schon ganz oben angekommen sein muss, um sie tragen zu können.

Foto: Peter Langer / Kontrastprogramm: Bluse von Jil Sander

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