Die großen Fragen der Liebe Hat er eine gespaltene Persönlichkeit?

Werner ist ein interessierter und zugewandter Typ, doch in seinem Elternhaus verwandelt er sich in einen muffigen Teenager. Eine Kolumne von
Aus der Serie: Liebeskolumne ZEITmagazin Nr. 10/2019

Die Frage: Sandra hat Werner im Studentenwohnheim kennengelernt; er ist aufmerksam, witzig und scheint sich sogar für ihr Studium zu interessieren, Ökotrophologie, wofür ihre bisherigen Partner nur abfällige Bemerkungen übrighatten. Als Sandra zum ersten Mal bei Werners Eltern zu Hause eingeladen ist, bewundert sie deren Haus in Passau mit Blick über den Inn. Aber Werner verändert sich plötzlich, und Sandra kommt damit nicht zurecht: Kaum hat er die Schwelle seines Elternhauses überschritten, verwandelt sich der zugewandte junge Mann in einen muffigen Teenager. Er sitzt auf dem Sofa, vor sich den Bildschirm seines Smartphones, Kopfhörer in den Ohren, und nimmt nicht an Gesprächen teil. Kann es an seiner Mutter liegen, die wirklich etwas viel redet?

Wolfgang Schmidbauer antwortet: Sandra ist mit ihrem Eindruck, dass Werners Mutter zu viel redet und Werner zu wenig zuhört, wohl schon auf dem richtigen Weg. Sie muss sich keine Sorgen machen, dass Werner in ein paar Jahren mit verstöpselten Ohren auch vor ihr sitzt. Dazu ist die Mutter-Sohn-Beziehung doch zu speziell. Werner hat passiven Widerstand gewählt, das tun viele Söhne, wenn sie zwar nichts gegen mütterliche Versorgung, wohl aber etwas gegen mütterliche Einmischung haben. Es ist eine bequeme Lösung, die meist von beiden Seiten stillschweigend toleriert wird, was sie aber noch nicht zu einer guten Lösung macht. Sandra sollte darauf achten, dass die mütterliche Überaktivität nicht in ihr ein Schlupfloch findet. Sätze wie "Kannst du nicht mal mit Werner sprechen, auf mich hört er ja nicht!" wären ein Signal für dieses Manöver.

Wolfgang Schmidbauer ist einer der bekanntesten deutschen Paartherapeuten. Was er in seiner täglichen Praxis erfährt, lesen Sie im Interview mit ZEIT ONLINE. Zuletzt erschien sein Buch "Raubbau an der Seele. Psychogramm einer überforderten Gesellschaft" (oekom verlag).

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