Sophie Auster "Ein Mann, der mich verlassen hatte, schrieb mir in meinen Träumen noch Briefe"

© Jonas Holthaus
Aus der Serie: Ich habe einen Traum ZEITmagazin Nr. 10/2019

Als ich klein war, hatten meine Eltern oft Besuch von berühmten Leuten. Ich war zu jung, um zu begreifen, wer diese Menschen waren, aber ich merkte sofort, wer von ihnen Kinder mochte und wer nicht. Viele taten nett, waren es aber nicht. Kinder haben allerdings magische Kräfte, sie können Lügen sofort enttarnen. Einmal kam jemand, bei dem ich sofort merkte, dass er selbst ein Kind geblieben war. Er interessierte sich mehr für mich als für die Erwachsenen, und er hat sich ausgiebig mit mir unterhalten. Als ich schon eingeschlafen war, hat er mir noch eine Zeichnung unter der Tür durchgeschoben, die heute noch eingerahmt in meinem Schlafzimmer hängt. Dieser Mann war der Regisseur Tim Burton, dessen Filme, wie zum Beispiel Edward mit den Scherenhänden, mich immer begeistert haben.

Meine Träume sind oft wie Tim-Burton-Filme, also wie unheimliche Märchen. Seit meiner Kindheit war jede Nacht ein Abenteuer für mich. Einmal träumte ich, dass ich auf einer Matratze durch die Luft fliege: Ich bin mit Bändern auf ihr festgebunden, damit ich nicht runterfalle. Ich schwebe über Brooklyn, wo ich aufgewachsen bin. Unten aber steht eine böse Hexe, die Kinder jagt. Ich rausche mit meiner Matratze immer wieder hinunter, um Kinder zu retten. Die Matratze ist so riesig, dass viele Kinder auf ihr Platz haben. Ich rufe: "Macht euch keine Sorgen, ich passe schon auf euch auf!" Und tatsächlich konnte ich in diesem Traum alle Kinder retten.

Mit meiner Mutter rede ich oft über meine Träume, denn die kennt sich sehr gut mit Psychoanalyse aus. Es beruhigt mich, wenn sie meine Träume für mich interpretiert. Daran, dass meine Träume meistens recht seltsam sind, habe ich mich längst gewöhnt. Die Aufregungen, die mich am Tag begleiten, folgen mir meistens bis in meine Träume. Ein Mann, der mich verlassen hatte, schrieb mir danach in meinen Träumen noch Briefe. Ich trauerte ihm sehr nach, und in meinen Träumen schrieb er mir, dass er mich liebe und dass doch alles gut mit uns sei. Es fühlte sich so real an, dass ich nach dem Aufwachen gleich nach den Briefen suchte. Als mir klar wurde, dass es diese Briefe gar nicht gab, war ich tief verletzt. Das waren also wirklich brutale Träume.

Wenn ich zu früh geweckt werde, bin ich überhaupt unausstehlich, ich schimpfe und bedrohe alle, die mir zu nah kommen: "Spinnt ihr? Haut ab! Lasst mich in Ruhe!" Da zeigt sich dann eine düstere Seite von mir. Wenn mich ein Wecker aus dem Traum reißt, weiß ich oft gar nicht, was real ist und was noch zum Traum gehört. Ich bin schon auf riesigen Festivals aufgetreten, habe auch schon viele Preise für meine Musik gewonnen – allerdings alles nur in meinen Träumen: "Der Preis geht an Sophie Auster!" Wirklich? Oh wie toll! – Aber bisher eben leider nur im Traum.

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