Veganismus: Über vegane Speisen

Aus der Serie: Gesellschaftskritik ZEITmagazin Nr. 10/2019

Frisch erlegtes Fleisch, noch halb roh und blutig, gewürzt mit einer Prise Sand und Zement – so was sollte als Festtagsmenü eines leibhaftigen Baulöwen dienen. Und gewiss nicht Karotten mit Miso, Buchweizen und Chinakohl. Diese veganen Häppchen hat sich Richard Lugner, Österreichs König der Baulöwen, auf der geplanten Speisekarte eingehandelt, indem er das Model Elle Macpherson, Veganerin und 54 Jahre alt, als seine Begleiterin zum Opernball einlud. Die Frau hat den Beinamen "The Body", der Mann den Beinamen "Mörtel".

Seit 1992 setzt sich der inzwischen 86-Jährige zum gesellschaftlichen Höhepunkt der Wiener Saison jedes Jahr andere Prominenz in seine Loge, meist fällt seine Wahl auf eine schöne Frau, und meist ist es eine solche, die früher mal noch berühmter war. Wie er diese Frauen dahin bekommt? Mit Geld natürlich. Früher begnügten sich die solchermaßen gut bezahlten Frauen mit der für sie vorgesehenen Rolle als schmückendes Beiwerk, doch inzwischen begehren einige von ihnen auf, Gage hin oder her. Kim Kardashian, die Frau, von der niemand weiß, warum jeder sie kennt, blieb vor fünf Jahren nur extrem kurz auf dem Ball: Nach zehn Minuten ließ sie Mörtel allein in seiner Loge. Und nun ließ Macpherson die Speisekarte ändern, weil ihr die geplante Abfolge von Thunfischbauch und Rinderfilet zu wenig vegan erschien.

Hält der vor allem von Frauen getragene Trend an, sich immer gesünder und eigenartiger zu ernähren, sagen wir dem Baulöwen schon mal die Zukunft seiner Opernballmenüs voraus: 2029 wird der 96-jährige Lugner seiner 58-jährigen Begleiterin Claudia Schiffer, dann sicherlich längst Frutarierin, ausschließlich Obst kredenzen dürfen, das nicht gepflückt wurde, sondern sich selbstständig vom Baum hat fallen lassen. Und 14 Erbsen, die sich freiwillig in kochendes Wasser gestürzt haben müssen.

2039 wird der mittlerweile 106-jährige Opernball-Hallodri Heidi Klum, dann 65 und seit 18 Jahren Roh-Veganerin, dabei zusehen, wie sie die Kohlrabistäbchen stehen lässt, um ein wenig in den bei 45 Grad Wassertemperatur, der Obergrenze der roh-veganen Küche, erwärmten Süßkartoffelnudeln an Mikroalgen herumzustochern.

Mörtel dürfte dann ganz rührselig werden: Ach, wird er denken, was waren das für Zeiten, als ich mit Elle Macpherson noch richtig gekochte Karotten essen durfte.

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