Charly Hübner "Wenn ich jetzt losrenne, habe ich einen Vorsprung vor meinem Doppelgänger"

© Anatol Kotte
Aus der Serie: Ich habe einen Traum ZEITmagazin Nr. 11/2019

Als Kind hatte ich einen wiederkehrenden Fiebertraum. Ich trage meine Cowboy-Faschingsklamotten und reite auf einem Pony in die Prärie hinaus – Sand, Dornensträucher, Kakteen, flirrende Hitze. Eine Gruppe von Cowboys kommt auf mich zugaloppiert, je näher sie kommen, desto größer werden sie. Am Ende sind sie 40 Meter hoch und reiten mich nieder. Damals war dieser Traum sehr bedrohlich, heute ist er für mich eine schöne Kindheitserinnerung. Noch heute habe ich eine große Affinität zu Western. Die Prärie und die Pferde vermitteln mir ein Gefühl von Heimat, obwohl ich im Mecklenburger Seenland aufgewachsen bin.

Ansonsten sind mir vor allem meine Tagträume im Gedächtnis geblieben. Ich liebe dieses Wegdriften an einen Strand oder eine Steilküste in Irland. In größeren Städten fühle ich mich schnell überfordert, alles ist zu eng, zu laut, zu viel. Tagträume helfen dagegen, sie sind für mich wie Kurzurlaube: Das System wird heruntergefahren, Hirn und Herz bekommen die Möglichkeit, alles zu verarbeiten – ein Geschenk der Evolution.

Als Junge hatte ich einen merkwürdigen Tagtraum: Ich stellte mir häufig vor, es gäbe mich zweimal. Der andere war eine exakte Kopie von mir. Wenn wir 18 werden, würde sich entscheiden, wer von uns beiden abgeschaltet wird. Eines Tages bin ich auf dem Nachhauseweg in ein schweres Gewitter geraten. Ich hatte damals wahnsinnige Angst vor Gewittern. Ich stand unter einer Kastanie, es regnete, blitzte und donnerte. Mein Kopf war voll von Bildern, in denen Blitze in Bäume einschlugen. Dann habe ich mir gesagt: Wenn ich jetzt losrenne, habe ich einen Vorsprung vor meinem Doppelgänger. Ich lief los – und anscheinend habe ich das Rennen am Ende auch gewonnen.

Seit einigen Jahren spielen in meinen Tagträumen hohe Klippen und das offene Meer eine Rolle. Ich stelle mir vor, wie ich hinunterklettere oder hinausschwimme. Aus der Enge in die Weite. Das hat wohl auch damit zu tun, dass ich in der DDR aufgewachsen bin.

Meine Kindheit war idyllisch, aber mit 15 habe ich diese Enge gespürt. Ich bekam mit, dass Menschen flüchteten oder ausgewiesen wurden und wir nicht frei reisen konnten. Als dann die Mauer fiel, öffneten sich innere und äußere Räume. Für mich kam die Wende zur richtigen Zeit. Kurz zuvor hatte ich mich wegen Herzproblemen von meinem großen Wunsch verabschieden müssen: einer Laufbahn als Handballprofi. In den Wochen nach der Diagnose habe ich jede Nacht geträumt, kurz vor einem Konter eingewechselt zu werden und das entscheidende Tor zu werfen. Es fiel mir sehr schwer, zu akzeptieren, dass ich kein Handballstar werden würde.

Dann lernte ich, der Junge aus der Provinz, nach der Wende Intellektuelle kennen, die mich in die Theaterkantine mitschleppten. Ich entdeckte eine Welt, in der ich über Sprache und Gedanken Wege in neue Räume finden konnte. Gleichzeitig konnte ich die für mich neue Welt des Westens entdecken. Das war traumhaft.

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