Harald Martenstein Über Einschlafrituale

© Fengel
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Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 11/2019
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Mein kleiner Sohn ist jetzt vier. Etwa um sechs Uhr beginnt seine tägliche Einschlafzeremonie. Als Erstes sieht er, auf seinem Sofa liegend, niveauvolle Kurzfilme aus Kanada, in der Regel Paw Patrol. Vor ihm steht ein iPad, er ist frisch gebadet, gekämmt und trägt seinen hellblauen Bademantel. Auf dem Sofa muss ihm mindestens ein Elternteil Gesellschaft leisten und dabei seinen entblößten rechten Fuß festhalten, ich weiß nicht, warum. Anschließend nimmt er einen leichten Imbiss zu sich, der aus einer seiner Lieblingsspeisen besteht. Am Ende sagt er stets: "Das mag ich nicht, es hat nicht geschmeckt." Am nächsten Morgen wird er bestreiten, dies jemals geäußert zu haben. Anschließend erhebt er sich und sagt: "Heute putze ich mal nicht meine Zähne."