Vorbilder "Ernsthaft, Papa"

© Aline Zalko
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Aus der Serie: Prüfers Töchter ZEITmagazin Nr. 11/2019

Ich wäre gerne ein Vorbild für meine Kinder, aber ich weiß nicht recht, wie ich das anstellen soll. Oder woran ich merken könnte, dass ich tatsächlich eine Vorbildfunktion habe. Bestimmt war mein Vater für mich ein Vorbild, aber ich glaube, nicht in der Art, wie er sich das vorgestellt hatte. Mein Vater arbeitete als Zahnarzt, hatte eine eigene Praxis und wollte gerne, dass eines seiner Kinder auch eine Medizin-Karriere einschlug. Ich aber hatte Angst vorm Zahnarzt. Und nachdem mein Vater mein handwerkliches Unvermögen erkannt hatte, kam er schnell davon ab, mich zum Zahnarzt machen zu wollen. Denn ich wäre einer geworden, vor dem man begründete Angst haben müsste. Aber mein Vater kann sehr schön erzählen. Er hat die Fähigkeit, komplizierte Inhalte sehr bildhaft aufzuschlüsseln. Vieles hätte ich nie verstanden, hätte er es mir nicht erklärt. Vielleicht bin ich deshalb später Journalist geworden.

Ich wäre auch für meine Tochter Greta gerne ein Vorbild. Aber ich habe leider keine Ahnung, welche Art Vorbild Greta inspirierend findet. Oft wird gesagt, dass man den Kindern einfach die eigenen Werte vorleben soll. Mir scheint, dass ich den lieben langen Tag mit aller Kraft die allerbesten Werte vorlebe und überhaupt niemand Notiz davon nimmt. Geschweige denn die Werte nachlebt. Ich denke zum Beispiel, dass Sport eine gute Sache ist. Deswegen gehe ich regelmäßig laufen. Greta ist mir noch nicht einen Meter hinterhergelaufen. Ich habe sie mal gefragt, ob sie mit mir eine Runde drehen will, sie sagte nur: "Ernsthaft, Papa." Dieses "ernsthaft", das nicht einmal als Frage formuliert war, war irgendwie entwaffnend. Es implizierte, dass man als Vater wohl kaum ernsthaft davon ausgehen kann, die Tochter werde mit einem laufen gehen. Die Frage musste also ein Scherz gewesen sein, und zwar kein besonders guter.

Man kann auch in Ernährungsfragen ein Vorbild sein. Eine gesunde Ernährung ist eine wichtige Vorraussetzung für die gute Entwicklung eines Kindes. Ich esse jeden Morgen ein Müsli und erinnere die Kinder daran, dass Müsli eine gesunde Basis für den Tag schafft. Morgens sind die Kinder allerdings noch nicht in der Verfassung, dies zu kommentieren, und essen schweigend Nutella-Toast. Zu anderen Tageszeiten sind sie um keinen Spruch verlegen. Ich bin Vegetarier, und wenn ich koche, dann ohne Fleisch. Ich finde, man soll Kindern zeigen, dass Gemüse ein genauso gutes Hauptnahrungsmittel sein kann – ein sehr gesundes dazu. Ich koche dann mit sichtlicher Begeisterung ein Gericht aus roten Linsen. Wenn ich aber außer Haus bin, sagt Greta: "Juchhu, Papa ist weg, dann kocht Mama heute Bolognese!" Ich habe manchmal den Verdacht, dass Greta schon über ein sehr festes Wertegerüst verfügt. Woher auch immer sie es hat. Und sie kann es wunderbar gegen ihren Vater verteidigen.

Natürlich hätte auch ich gerne, dass sich meine Tochter für meinen Beruf begeistert. Neulich schickte ich sie zum Kiosk, um ein Magazin zu kaufen. Sie kam verblüfft zurück: "Papa, dafür habe ich mehr als fünf Euro bezahlt, wer zahlt denn so viel Geld für so ein bisschen Papier?" Sie will übrigens Ärztin werden.

Wahrscheinlich inspiriere ich meine Tochter mit irgendetwas anderem und weiß es nur noch nicht.

Kommentare

38 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Ich verstehe nicht, warum Herr Prüfer, als Sohn eines Zahnarztes, seiner Tochter nicht erklärt wie ungesund Nutella für Zähne und Stoffwechsel ist.
Das ist das Erste das ich meinen Kindern nahe brächte.
Ich finde es zudem lehrreich und köstlich, wenn Kinder mit den Eltern Zutaten für Müsli und Salat zurecht schnippeln.
Das ist es, was ich Herrn Prüfer empfehlen würde.
Am Rande:
Ich bin gelegentlich ein "Schnüppmaul".
Aber ich bin dabei mir anzugewöhnen, statt Süßkram eine Banane zu essen.
Das ist preiswert und gesünder- und Kinder werden das sicher auch begreifen.