Anna Prasser "Ich wünsche mir, dass wir Demonstranten nicht mehr als naive Kinder abgekanzelt werden"

© Uwe Ditz
Aus der Serie: Ich habe einen Traum ZEITmagazin Nr. 12/2019

Es ist die Nacht vom 14. auf den 15. Februar, gegen drei Uhr morgens. Ich schrecke aus dem Schlaf. In meinem Traum hat mich das Gefühl überfallen, dass ich den Busfahrplan überprüfen muss. Ich setze mich an den Computer und stelle fest, dass der öffentliche Personennahverkehr bestreikt wird, der Bus, den ich nehmen wollte, fährt nicht. Also werde ich mit dem Fahrrad zu unserem Streik für den Klimaschutz fahren.

Seit November beteilige ich mich an den "Fridays for Future"-Streiks in Stuttgart. Ich gehöre zum Organisationsteam, kürzlich habe ich die Ortsgruppe Heidenheim gegründet. Das Thema Umweltschutz beschäftigt mich schon länger. Besonders aufgeschreckt haben mich die Vorgänge im Hambacher Wald im September 2018. Es war mir unbegreiflich, wie die Politik einem Konzern so eine Macht geben konnte – in einer Situation, in der der Kohleausstieg schon so gut wie beschlossen war. Damals habe ich mich entschieden, aktiv zu werden. Ich habe im Hambacher Wald demonstriert und mich gefragt, was ich in meiner Heimat tun kann. Dabei bin ich auf "Fridays for Future" gestoßen.

Ich bin 23 und habe einen fünfjährigen Sohn. Meine Generation kommt mit viel Glück vielleicht mit einem blauen Auge davon, mein Sohn mit Sicherheit nicht. Ich frage mich häufig, in welcher Welt er oder seine Kinder aufwachsen werden. Ich träume von einer lebenswerten Zukunft für meinen Sohn, in einer Welt mit intakter Natur.

Ich wünsche und erträume mir, dass die Politikerinnen und Politiker die Klimakrise ernst nehmen und ihr politisches Handeln danach ausrichten; dass sie begreifen, dass wir jetzt handeln müssen, nicht erst in zehn oder zwanzig Jahren.

Ich träume davon, dass die Schulen unsere Arbeit anerkennen. Die Streiks bedeuten nicht nur Unterrichtsausfall, sie können auch wertvoll für die Schülerinnen und Schüler sein. Die lernen bei diesen Aktionen viel von dem, was auch die Schule vermitteln sollte: politische Meinungsbildung, für unsere Überzeugungen einzustehen, zu argumentieren, zu organisieren, im Team zu arbeiten. Ich wünsche mir, dass all das gefördert wird.

Und ich wünsche mir, dass wir Demonstranten nicht mehr als naive Kinder abgekanzelt werden. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat sich zwar in einer Videobotschaft Anfang März auf unsere Seite gestellt, allerdings scheint sie der Ansicht zu sein, dass wir aus jugendlichem Leichtsinn handeln. Es ist nicht so, dass wir uns einen schnelleren Kohleausstieg "wünschen", sondern wir fordern die Einhaltung des Pariser Klimaabkommens. Es muss die Notbremse gezogen werden, unsere Zukunft steht auf dem Spiel.

Sicher, wir sind nicht perfekt. Wir sind jung, befinden uns in einem Entwicklungsprozess. Wir versuchen, im Rahmen unserer Möglichkeiten zu handeln. Wir wollen und müssen noch vieles lernen. Das macht unser Anliegen aber nicht weniger wichtig.

Am 15. März, dem ersten globalen Streiktag in über 40 Ländern auf allen Kontinenten, findet auch die erste Veranstaltung in Heidenheim statt. Ich wünsche mir, dass es uns gelingt, die Menschen in unserer Gemeinde wachzurütteln, auch die älteren, und 500 Menschen für den Klimaschutz auf die Straße zu bringen. Ich glaube fest daran, dass es bald so weit sein wird.

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