Ausschlafen "Warum weckst du mich so früh?"

© Aline Zalko
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Aus der Serie: Prüfers Töchter ZEITmagazin Nr. 12/2019

Lotta fällt es schwer, morgens aufzustehen. Ich habe ihr einen Wecker geschenkt, der war nicht laut genug. Dann hat Lotta noch einen Wecker bekommen, einen, der ein infernalisches Piepen veranstaltet. Es ist ein Ton, der vergleichbar ist mit dem Alarm eines Rauchmelders.

Am Wochenende möchte Lotta ausschlafen. "Ausschlafen" beinhaltet allerdings, dass der Schlaf irgendwann einmal zu Ende ist. Bei Lotta ist das aber nicht der Fall. Zuerst bin ich geduldig. Dann bin ich missmutig. Ich meine, man sollte ja irgendwann mal in den Tag kommen, auch wenn es keinen Pflichttermin gibt, oder? Schließlich, meist am frühen Nachmittag, schaue ich dann mal in ihrem Zimmer nach – vielleicht ist sie ja durch das Fenster abgehauen? Lotta sieht dann aus wie ohnmächtig. Ich muss sie wach rütteln. Wenn sie dann endlich die Augen öffnet, schaut sie mich an, als komme sie gerade von einem Trip durch das Weltall zurück und habe Mühe, sich an die Menschheit zu erinnern. "Warum weckst du mich so früh?", mault sie dann jedes Mal. Ich schimpfe daraufhin: "Weißt du, wie spät es ist?" Ich würde gern was Cooleres sagen, vielleicht auch nur etwas Netteres. Aber ich sage das, was mein Vater mir auch immer gesagt hat, wenn ich früher am Wochenende nicht aus dem Bett gekommen bin. Wahrscheinlich sagen das Eltern seit Jahrhunderten zu ihren Kindern.

Ich habe gelesen, dass ich das nicht tun sollte. Denn Kinder brauchen ihren Schlaf. Schon die Schulzeiten sind angeblich ein Angriff auf ihr Schlafbedürfnis. Wenn der Unterricht um acht Uhr beginnt, sind gerade Kinder in Lottas Alter innerlich noch im Schlummerland. Schlaf, so weiß man heute, ist aber kein Müßiggang, sondern wichtig für die Entwicklung des Gehirns. Wenn Kinder dauerhaft zu wenig schlafen, nehmen sie Schaden. Es gibt heftige Diskussionen darüber, ob die Schule nicht besser später beginnen sollte. In Spanien zum Beispiel beginnt der Unterricht erst um neun Uhr. Angeblich scheitert eine Reform des deutschen Schulbeginns regelmäßig am Widerstand zweier mächtiger Parteien. Einerseits sind da die Eltern, die selbst früh aus dem Haus müssen, um zur Arbeit zu fahren, und deshalb auch die Kinder früh auf den Weg bringen wollen. Andererseits sind da die Lehrer, die sich daran gewöhnt haben, schon am frühen Nachmittag zu Hause zu sein, und sich das nicht nehmen lassen wollen.

Also sollte ich Lotta wenigstens am Wochenende schlafen lassen, so lange sie will. Warum tue ich es nicht? Ich fürchte, da ist auch Eifersucht. Wann habe ich das selbst das letzte Mal gekonnt? Einfach schlafen, schlafen, schlafen, so lange ich möchte, so als gäbe es kein Morgen?

Wenn ich vor meiner schlafenden Tochter stehe, dann sehe ich wohl auch die Tristesse meiner eigenen Wachheit. Der Schlummer der Jugend – vorbei!

Wenn das kein Generationenkonflikt ist: Aus Bequemlichkeit und Missgunst ruinieren wir möglicherweise die Gehirne unserer Kinder. Ich hoffe, Lotta wirft mir später einmal nicht vor, dass sie es nicht nach Harvard geschafft hat, nur weil ich sie regelmäßig um 13 Uhr geweckt habe.

Der neue Wecker funktioniert übrigens gut. Nun werde ich morgens von dem Gepiepe am anderen Ende der Wohnung wach, eile in Lottas Zimmer, bringe den Apparat zum Schweigen – und wecke Lotta.

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