Harald Martenstein Über Schubladendenken

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Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 12/2019

In New York dürfen Menschen nicht mehr wegen ihrer Frisur kritisiert werden, dies hat der städtische Ausschuss für Menschenrechte beschlossen. Die Agentur dpa meldet: "In Schulen, auf öffentlichen Plätzen und am Arbeitsplatz fallen abschätzige Kommentare oder Aufforderungen zu neuen Frisuren unter Rassendiskriminierung. Möglich sind Strafen bis 250.000 Dollar."

Wieso läuft das unter "Rassendiskriminierung"? Es ist vorgekommen, dass Leute zum Beispiel wegen ihrer Afrofrisur entlassen wurden. So etwas sollte natürlich verboten sein, auch Beleidigungen sollten verboten sein. Dumme Bemerkungen aller Art gehören allerdings zu den unvermeidlichen Begleiterscheinungen des Lebens. Auch ich werde manchmal wegen meiner AC/DC-Gedächtnisfrisur kritisiert. Falls das gesetzlich verboten werden soll, wäre ich bereit, gegen so ein Gesetz zu demonstrieren. Der Vokuhila sieht übrigens wirklich bescheuert aus. In Deutschland darf man das noch sagen.

Ich war zu einer Radiodiskussion eingeladen, zum Thema "#MeToo". Mir gegenüber saß eine sympathische Feministin, die über Foucault und Sartre promoviert hat. Zum Glück wusste ich das vor dem Gespräch nicht. Ich habe nur eine mickrige Magisterarbeit über die DDR vorzuweisen. Leute, die über Foucault promoviert haben, schüchtern mich so ein wie früher die muskelbepackten Sportskanonen im Turnunterricht.

Erstaunlicherweise waren wir uns in etlichen Punkten einig. Ein bisschen Zoff gab es aber, als meine Mitdiskutantin sexuelle Übergriffe irgendwie als Problem "weißer Männer" darstellte, an den genauen Wortlaut erinnere ich mich nicht. Ich sagte, dies sei Rassismus. Sie lenkte ein, die Liste der #MeToo-Angeklagten anderer Hautfarbe ist ja auch lang, auf Platz eins steht Bill Cosby.

Der Begriff "weiße Männer" ist ein Beispiel für erfolgreiches Framing. Ich weiß nicht, wie oft ich in letzter Zeit gelesen habe, dass weiße Männer an diesem und jenem schuld sind, eigentlich an allem. Die Leute denken gar nicht mehr nach, wenn sie den Begriff verwenden, es kommt so automatisch, als ob sie "Guten Appetit" sagen. Framing bedeutet, dass ein Begriff mit einer Wertung fest verkoppelt wird. Diese Kombination, Begriff und Wertung, wird ständig wiederholt. Eine brauchbare Übersetzung für Framing heißt "Gehirnwäsche". Du hörst ständig "weiße Männer" als Abwertung, und irgendwann hat es sich ins Hirn gebrannt, wie eine unhinterfragbare Tatsache, Schublade auf, die sind schuld.

Es funktioniert auch mit Namen. Bei dem Namen Westerwelle zum Beispiel habe ich früher sofort ein negatives Gefühl gehabt, weil der Name dieses Politikers in fast allen Medien fast immer negativ besetzt wurde. Es gibt linkes und rechtes Framing. Ein rechter Erfolgsbegriff heißt "Lügenpresse". Latenten Antisemitismus kannst du aufrufen, indem du hin und wieder den Begriff "reicher Jude" einstreust. Der "reiche Jude" ist quasi der "weiße Mann" der Antisemiten.

"Rechts" heißt immer böse, "links" heißt immer gut, "männlich" ist schlecht, "weiblich" ist gut (erklär das als Vater mal deinem Sohn), "weiß" heißt böse, "schwarz" heißt gut, und so weiter. Mit der Wahrheit hat das nichts zu tun, es ist halt Framing. Eine der größten Diskriminierungen besteht meiner Ansicht nach darin, von anderen für blöd und manipulierbar gehalten zu werden.

Hinweis der Redaktion: Die vor zwei Wochen erschienene Kolumne "Über späte Abtreibungen" wurde inzwischen in der Online-Version an einigen Stellen präzisiert. Diese Änderungen betreffen die deutlichere Unterscheidung zwischen "späten Abtreibungen" und "after-birth abortions", die Reaktion der im Text erwähnten Ethiker auf ihre eigene Veröffentlichung, den Beschluss der Jusos auf ihrem vergangenen Bundeskongress sowie den Gesetzentwurf in Virginia, der nicht verabschiedet wurde. Die Kolumne ist auf ZEITmagazin ONLINE zu lesen.

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