Dalad Kambhu: "In der gehobenen Gastronomie gibt es immer noch viel zu wenige Frauen"

© Robert Rieger
Aus der Serie: Ich habe einen Traum ZEITmagazin Nr. 13/2019

Im Moment fühle ich mich jeden Tag, als würde ich träumen. Hätte man mich vor sechs Monaten gefragt, ob ich es für möglich halte, dass das Kin Dee eines Tages mit einem Michelin-Stern ausgezeichnet wird, hätte ich das für einen sehr unwahrscheinlichen Traum gehalten.

Obwohl mich gutes Essen schon immer begeistert hat, habe ich als Jugendliche nie von einem eigenen Restaurant geträumt. Ich wollte Innenarchitektin werden. Als ich mit 14 die Gelegenheit bekam, als Model zu arbeiten, war auch das traumhaft: Ich war mager, ich habe eine eher dunkle Haut – den Schönheitsidealen in Thailand entsprach das nicht, andere haben auf mich herabgesehen. Auch deshalb habe ich die Chance, Model zu werden, mit Begeisterung ergriffen.

Als ich dann für ein Studium nach New York gezogen bin, wollte ich irgendwann mehr. Als Model läuft man ständig Gefahr, auf sein Aussehen reduziert zu werden. Schöne Hände zu haben ist in diesem Beruf wichtiger, als mit Menschen umgehen zu können. Das Modeln hat mir viele Türen geöffnet, aber es hilft einem nicht unbedingt dabei, seine Persönlichkeit zu entwickeln.

In New York ist mein Traum vom eigenen Restaurant gereift. Restaurants sind ja überhaupt eng mit Träumen verbunden: Die meisten Menschen, die nach New York kommen, um ihre Träume zu verwirklichen, beginnen damit, dass sie kellnern, Gemüse schneiden, Geschirr spülen. Ein Restaurant in New York ist ein Zentrum der Träume.

Konkret wurde mein Traum nach einem Aufenthalt bei meiner Tante in Paris. Sie leitet dort, als Autodidaktin, ein Restaurant. Ich habe mir gedacht, wenn sie das schafft, kann ich es vielleicht auch. In New York habe ich danach immer mehr in Restaurants gearbeitet – eigentlich wollte ich in die Küche, wurde aber immer in den Empfang und den Gastraum gesteckt.

Ich bin dann nach Berlin gezogen und habe 2017 das Kin Dee eröffnet. Thailändisches Essen wird in Deutschland oft als billiges Fast Food unterschätzt. Das möchte ich ändern.

Dass unser Restaurant mit einem Stern ausgezeichnet wurde, hat erstaunlich viel Aufmerksamkeit bekommen. Das weist auch auf ein Problem hin: Es sollte ja eigentlich selbstverständlich sein, dass Frauen Restaurants führen und ausgezeichnet werden können, unabhängig davon, ob sie nun italienisch, französisch oder thailändisch kochen.

In der gehobenen Gastronomie gibt es immer noch viel zu wenige Frauen. Eigentlich seltsam, da ja historisch in den meisten Kulturen vorwiegend die Frauen gekocht haben. Aber die Restaurantküche wird seit Langem von Männern dominiert, sie haben die Regeln festgelegt und ein Umfeld geschaffen, das männlichen Bedürfnissen entspricht. Sicher, die Arbeit in der Küche ist anstrengend, aber Frauen sind dafür nicht weniger geeignet, im Gegenteil: Wir Frauen haben oft eine andere Perspektive und ein besseres Verständnis für die Fähigkeiten und Grenzen der Menschen, mit denen wir arbeiten. Frauen können also die Arbeit in der Küche bereichern. Es wird Zeit, dass die Männer ihr Ego etwas zurücknehmen und uns gleichberechtigt mit ihnen zusammenarbeiten lassen.

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Gratulation an Frau Dalad Kambhu zu ihrem guten und erfolgreichen Restaurant. Offensichtlich hat sie es richtig gemacht und getan, was man tun muss, um ein erfolgreiches Restaurant zu eröffnen. Das müssen sich einfach andere Frauen zum Vorbild nehmen. Ich weiß nicht ganz, was der Seitenhieb auf die Männer soll. Wie es in einem Arbeitsumfeld zugeht, wird einfach von der Mehrheit geprägt. Diese Prägung kann durch Männer und Frauen erfolgen. Ich habe lange Zeit in einer Branche gearbeitet, in der es mehr Frauen gibt. Dass Frauen ein besseres Verständnis für die Fähigkeiten und Grenzen von Menschen haben, kann ich aus dieser Zeit nicht bestätigen. Ich hatte beispielsweise mal eine Chefin, die kam am Samstag ins Büro. Dort ist sie öfters auf eine Kollegin getroffen, die total überlastet war und auch noch den Samstag für ihre Arbeit brauchte. Überstunden waren eigentlich nicht erlaubt. Die Lösung der Vorgesetzten war, die Kollegin zu ignorieren. Somit war die Kollegin am Samstag nicht da und es gab auch kein Problem.