Jean Pütz: Über letzte Botschaften

Aus der Serie: Gesellschaftskritik ZEITmagazin Nr. 13/2019

Auf den Streuobstwiesen des Geistes begegnet uns irgendwann die Frage, was von uns am Ende übrig bleiben und wie das Übriggebliebene aussehen soll. Wenn Menschheitsfragen dieser Güteklasse auftauchen, tat man stets gut daran, Jean Pütz zu fragen, der dazu dann "mal was vorbereitet" hatte. So war es in seiner Hobbythek, und so ist es auch jetzt: Dem Magazin Senioren Ratgeber, von dem wir leider zu wenig hören, sagte der 82-jährige Moderator, er wünsche sich einen Grabstein mit einem emaillierten QR-Code darauf. Und wenn man diesen Code scanne, starte ein Video, in dem Pütz zu den Menschen sprechen wolle.

Der QR-Code hat ja nicht den besten Ruf. Man vermutet dahinter meist Fahrgastbefragungen der Nahverkehrsbetriebe oder Preisausschreiben von mittlerem Reiz (Gewinn: "111 E-Sport-Trikots des VfL Wolfsburg"). Also ahnen wir schon, wie die Ersten sich um den Fortbestand des Analogen im Digitalen sorgen und wie die Zweiten Einwände gegen jede Extravaganz im Todesfall vorbringen, was uns wiederum ein wenig besorgt. Wir stellen fest, dass in der deutschen Sepulkralkultur derzeit ein Hang zur Knauserigkeit herrscht. Mögen im Diesseits alle Geländewagen fahren und in deprimierend teuren Turnschuhen abloungen, die aussehen, als durchlitten sie einen anaphylaktischen Schock – fürs Jenseits genügt ein handtuchgroßes Plätzchen und eine pimpelige Inschrift wie: "Er war ein unauffälliger Beifahrer." Wir überlegen deshalb, ob wir unser eigenes Großmütterleinvermögen nicht in ein Mausoleum investieren, mit fluoreszierenden Flamingos und einer beheizten Andachtsbank, auf der Besucher sich in lebensbejahende Gespräche verwickeln: über ihre schönsten Karussellfahrten und die besten Bratkartoffelrezepte. Und die Idee mit einem QR-Code finden wir deshalb auch hervorragend! Gerne noch wetterfeste und winterharte Leuchtelemente, passwortgeschützte Knicklichter und LED-Wasserfälle mit WLAN, bis alles aussieht wie Kunstinstallationen in Berlin-Wedding oder wie bei diesem Isländer, von dem alle so schwärmen, jedenfalls: was fürs Herz. Dieses würden wir später übrigens, so wie der Pianist Frédéric Chopin, in Cognac einlegen lassen, wobei ein fein moussierender Gin Tonic uns besser stünde oder ein Happy-Hour-Angebot des verdorbenen Nachtclubs um die Ecke, also etwas, das allen unmissverständlich zeigt, was Jean Pütz, so sagte er es, mit seinem Grabsteincode verkünden möchte: "Danke schön, es war ein wunderbares Leben."

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