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Katarina Barley: "Ich bin ziemlich angstfrei"

Katarina Barley dachte, sie sei für die Politik nicht gemacht – bis sie eine aussichtslose Kandidatur übernahm. Von
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 13/2019

ZEITmagazin: Frau Barley, Sie haben 1996 während Ihrer ersten Schwangerschaft Ihre Doktorarbeit geschrieben und fünf Tage vor der Geburt Ihres Sohnes abgegeben. War das glückliche Fügung oder eine geplante Punktlandung?

Katarina Barley: Rückblickend war es vor allem der helle Wahnsinn. Ich war die Erste in meinem Freundeskreis, die schwanger war, vielleicht war ich auch deshalb so sorglos. Ich habe einfach gesagt: Gut, ich brauche jetzt eine Deadline, nehme ich also vier Tage vor dem Geburtstermin. Wir hatten sogar erst für den errechneten Geburtstermin einen Termin zur Besichtigung des Kreißsaals bekommen – einen Tag später wurde unser Sohn geboren.

ZEITmagazin: Sind Sie immer so entspannt?

Barley: Ich habe ein großes Urvertrauen, und ich bin ziemlich angstfrei. Aber auch, wie die meisten Frauen, extrem perfektionistisch.

ZEITmagazin: Warum neigen Frauen zum Perfektionismus?

Barley: Die gängige Erklärung ist ja, dass Mädchen gelobt werden, wenn sie etwas gut machen, und Jungs, wenn sie sich etwas trauen. Leider bremst dieser Perfektionismus Frauen manchmal.

ZEITmagazin: Inwiefern?

Barley: Neulich habe ich mit einer jungen Frau gesprochen, die von der SPD für die Kommunalwahl einen aussichtsreichen Platz bekommen hat. Sie sagte öffentlich: Ich lebe erst seit kurzer Zeit in der Stadt, das kann ich doch gar nicht gut machen.

ZEITmagazin: Die Kehrseite des Perfektionismus ist der Selbstzweifel?

Barley: Er hemmt jedenfalls dabei, zu sagen: Ich probier das jetzt einfach! Gerade in der Politik stelle ich oft fest, dass Frauen freiwillig in der zweiten Reihe bleiben. Sie schreiben gern die Rede, aber ans Mikro soll sich ein anderer stellen. Ich war selber lange so. Heute sage ich den Mädchen: Wartet nicht, bis ihr hundertprozentig sicher seid, dass ihr es besser macht als alle anderen. Wenn ihr das Gefühl habt, das ist euer Ding, dann macht! Wenn ihr scheitert, lernt ihr auch daraus. Ich habe 2005 bei meiner ersten Kandidatur, der Landratswahl im Kreis Trier-Saarburg, verloren. Viel knapper als erwartet, aber verloren. Trotzdem hat sie mir am Ende alle Türen geöffnet. Auch wenn man nicht so erfolgreich ist, wie man sich das vorstellt, kann es einen weit bringen, von den Erfahrungen ganz abgesehen.

ZEITmagazin: Was hat Sie motiviert, in die erste Reihe zu treten?

Barley: Es war eine völlig aussichtslose Kandidatur, deswegen war sie mir überhaupt nur angeboten worden. Die CDU hatte in dem Landkreis 22 Jahre lang regiert, zuletzt mit mehr als 60 Prozent. Es gab nichts zu verlieren. Und da habe ich es einfach probiert. Eigentlich hatte ich gedacht, dass ich von meinem Charakter her nicht gemacht sei für die Politik.

ZEITmagazin: Was sprach dagegen?

Barley: Ich bin empfindsam, ich nehme mir Sachen zu Herzen, ich bin auch verletzbar und sehr ehrlich. Nicht gerade Punkte, die man mit Politikern verbindet.

ZEITmagazin: Als Sie ganz vorn standen, hatten Sie da das Gefühl: Ich kann es besser, als ich gedacht hätte?

Barley: Ich habe beruflich und in der Politik immer gemerkt: Die anderen kochen auch nur mit Wasser. Und dass ich mit meiner Ausbildung, meiner Erfahrung und meinem Leistungswillen auch ganz schön was mitbringe. Nur vor der Übernahme des Postens der SPD-Generalsekretärin hatte ich gewaltig Respekt.

ZEITmagazin: Den übernahmen Sie 2015, nach nur zwei Jahren im Bundestag.

Barley: Ich hatte die Befürchtung, dass dort ein attackierender Typus Mensch erwartet wird und ich meine Persönlichkeit verbergen sollte. Ich wusste: So bin ich nicht, und so will ich nicht sein. Ich glaube auch, dass die Menschen heute nicht mehr angeschrien werden wollen. Ich habe es anders gemacht, und da bin ich auch sehr dankbar für den Mann an meiner Seite, der mich darin bestärkt, dass es das Allerwichtigste ist, so zu bleiben, wie man ist. Nur dann macht man es gut.

ZEITmagazin: Ihr Partner ist Profi-Basketballtrainer. Kann man aus dem Sport etwas für die Politik lernen?

Barley: Unglaublich viel. Vor allem, wie man seine Kräfte einteilt. Ich habe immer hundert Prozent gegeben, ohne Pause. Aber wenn man das macht, hängt es vom Zufall ab, wann man gut ist und wann nicht. Das kann man besser steuern, da gibt er mir gute Tipps. Abgesehen davon bin ich fit wie noch nie. Ich habe Sport immer aus Lust gemacht – wenn es an den Punkt ging, mich zu quälen, war das nicht so meins. Jetzt lerne ich, warum es sinnvoll ist, in dem Moment, wo es an die Grenze geht, zu sagen: Gut, dass du da hingehst.

ZEITmagazin: Ähnelt das dem Gefühl, wenn man sich getraut hat, sich in die erste Reihe zu stellen?

Barley: Die Erfahrung, was man schaffen kann, wozu man in der Lage ist – die macht stark.

Das Gespräch führte Anna Kemper. Sie gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl, dem Psychologen Louis Lewitan, Evelyn Finger, Ijoma Mangold, Christine Meffert und Khuê Phạm zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

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