Struktur "Wie soll ich denn das alles sortieren?"

© Aline Zalko
Immer piept irgendwas, immer mailt irgendwer. Wie soll man sich bei all den Ablenkungen nur konzentrieren? Früher haben ja immer die Väter mehr Struktur angemahnt. Von
Aus der Serie: Prüfers Töchter ZEITmagazin Nr. 13/2019

Luna könnte etwas strukturierter sein, finde ich. Ein Beispiel: Luna ruft mich an, weil sie einen Brief von der Krankenkasse bekommen hat. Die Krankenkasse schreibt, weil sie mir ein Schreiben geschickt hat, das ich aber nicht mit einem Schreiben beantwortet habe, weswegen ein Problem entsteht, wenn auf das neuerliche Schreiben nicht unverzüglich zurückgeschrieben wird. Luna wohnt nicht mehr bei uns, deshalb muss man sich treffen, um solchen bürokratischen Herausforderungen zu begegnen. Wir verabreden uns also für den nächsten Tag, damit Luna mir den Brief mitbringt, und treffen uns auf einen Kaffee. "Luna, zeig mir doch mal den Brief." – "Ach, den habe ich voll vergessen." Sie beteuert, dass sie noch daran gedacht habe, als sie die Schuhe anzog, aber dann sei es ihr irgendwie entfallen.

Ich sage ihr, dass sie mehr Struktur braucht. Luna sagt auch, dass sie mehr Struktur braucht. Struktur braucht man ja für alles im Leben. Wer keine Struktur hat, der kommt nicht zurecht. Ich weiß das, weil ich selbst ständig damit ringe (wie man daran erkennt, dass ich vergessen habe, der Krankenkasse zu antworten). Man kann die schönsten Ideen haben, aber um sie zu verwirklichen, muss man sich strukturieren. Man braucht einen Plan, wann man was machen muss und um sich auszurechnen, wie viel Zeit dafür nötig ist, und man braucht To-do-Listen. Ich sage Luna, dass man es machen sollte wie die Kanzlerin: die Dinge vom Ende her denken. Wann muss was erledigt sein, ohne dass es zu einer Tortur wird?

Wenn ich so rede, nickt Luna zustimmend. Und ich erinnere mich, dass mein Vater mir das auch wieder und wieder erklärt hat: Junge, du brauchst mehr Struktur. Sein Reden war bis zum Abitur vergebens. Ich selbst hatte zum Beispiel immer wieder angefangen, für die Schule zu lernen – und dann kam es mir einerseits unglaublich dröge vor, andererseits auch unglaublich umfangreich. Aber was habe ich gemacht, anstatt zu lernen? Damals gab es noch kein Internet, im Fernsehen liefen nur ein paar unerträgliche Nachmittagsprogramme. Ich glaube, ich saß einfach nur da. Ich habe nichts gemacht, nur um nicht das zu machen, von dem ich ahnte, dass ich es eigentlich machen müsste.

Wie unendlich viel schwerer muss es heute sein, sich zu konzentrieren, wo wir alle mit Smartphones ausgerüstet sind und in sozialen Netzwerken festhängen? Es gibt scheinbar immer etwas viel Interessanteres zu sehen oder etwas viel Besseres zu tun. Luna sagt, manchmal habe sie das Gefühl, durch einen Dschungel von Geräuschen und Eindrücken zu gehen, ständig seien da neue Dinge, die ihre Aufmerksamkeit fesseln und sie auf Gedankenreise schicken: "Wie soll ich denn das alles sortieren?"

Mir selbst hilft es, früh aufzustehen und wichtige Dinge zu erledigen. Wenn der Tag jung ist und noch nicht alle Umwelteinflüsse klingeln, kann ich mich leichter konzentrieren. Ich bin sicher, dass Luna auch ihren Weg finden wird.

Und ich denke daran, wie Luna aus dem Haus geht und gerade eben noch im Kopf hatte, was sie mitnehmen wollte. Und dann aber ihre Gedanken in ein ganz anderes Land reisen. Dorthin gezogen werden wie von einer starken Macht. In ein Land, in dem ich selbst schon sehr lange nicht mehr war. Wie mag es dort aussehen? Ich weiß es nicht mehr.

Schade eigentlich.

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