Harald Martenstein Über Sprachregelungen

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Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 14/2019

Ein freundlicher Leser, Herr B., hat mich auf eine sprachliche Ungerechtigkeit hingewiesen. Wir sind ja gesamtgesellschaftlich gerade dabei, die deutsche Sprache auf Ungerechtigkeiten durchzuchecken und vielerorts das gendergerechte Sprech einzuführen. Herr B. verweist darauf, dass immer noch Menschen den Rülpser eines Säuglings als "Bäuerlein" bezeichnen und damit den hart arbeitenden Stand und schlecht bezahlten Stand der Landwirte in schwer erträglicher Weise herabsetzen. Auch ich habe dies oft genug getan, allerdings sagt man in unserer Gegend "Bäuerchen". Bei einem echten Bäuerchen kommt immer noch ein wenig Flüssigkeit hoch und ergießt sich auf den Schlabberlatz oder die elterliche Kleidung. Ist oder war dies auf dem flachen Land besonders verbreitet, ziehen deshalb so viele in die Stadt? Irgendwo muss der Ausdruck herkommen. Nachwachsende Bäuerinnen scheinen weniger oft zu rülpsen, sonst hieße es "Bäuerinnenchen". Frauen achten mehr auf sich.

Beim Nachdenken fiel mir auf, dass die gendergerechte Sprache sich mit dem Diminutiv generell schwertut. Es ist noch halbwegs machbar, einen Pinselmacher, dem man Gerechtigkeit tun möchte, zur "Pinselmacher*in" zu machen. Aber wie verfährt man mit einem besonders putzigen, süßen Pinselmacher, einem Pinselmacherchen? Bei dem Wort "Pinselmacher*inchen" gerät der Artikulationsapparat in Grenzbereiche.

Zur Herstellung von totaler Gerechtigkeit scheint mir das "De-le-System" am besten geeignet zu sein, zu finden auf delesystem.wordpress.com. Das De-le-System tilgt endlich alle Anspielungen auf das Geschlecht konsequent aus der Sprache. Statt "Lehrer" oder "Lehrerin" oder "Lehrer*in" nimmt man/frau das neue Wort "de Lehrere", im Plural "die Lehreren". Die Rollenzuschreibungen "Tochter" und "Sohn" werden durch das für beide geltende Wort "de Sochte" ersetzt, aus Onkel und Tante werden "de Tonke". Um zu zeigen, wie es funktioniert, hier der erste Satz aus Grimms Märchen Das Rotkäppchen. In der bisher noch üblichen Fassung beginnt es so: "Es war einmal ein kleines süßes Mädchen, das hatte jedermann lieb, der es nur ansah, am allerliebsten aber seine Großmutter." Antisexistisch klingt es so: "Es war einmal eine kleine süße Kind, den hatte jede lieb, de lich nur ansah, am allerliebsten aber leine Großelter."

Menschen geraten neuerdings auch deshalb in Schwierigkeiten, weil sie versehentlich auf Partys gehen, wo auch rechte oder politisch fragwürdige Personen anwesend sind. Letzteres widerfuhr etwa dem Moderator Reinhold Beckmann, der dem Geburtstag des rechten Journalisten Matthias Matussek beiwohnte, eines alten Freundes, und der dafür stark kritisiert wurde. Beckmann hat sich wortreich für seinen Fauxpas entschuldigt, zu Geburtstagen wird er jetzt sicher seltener eingeladen. Ein Makel bleibt trotzdem. Es kann ja sein, dass er sich bei der Party irgendwie angesteckt hat. Wie kann man sich schützen? Oft weiß man gar nicht, in welche Richtung alte Freunde sich politisch entwickelt haben, aus der Einladung geht es nicht immer hervor.

Im Mittelalter gab es den Bannfluch, so hat die Kirche das gelöst. Ich finde, dass im "Kampf gegen Rechts" nicht jede Schweinerei erlaubt ist, keine schwarzen Listen, keine Sprachvorschriften, keine Überwachung des Privatlebens. Diese These ist allerdings höchst angreifbar und wahrscheinlich auch schon ein Skandal.

Kommentare

7 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

"...sei es das Mädchen oder das Bübchen."
Welches Problem haben Sie mit "Mädchen", weil Sie "Bübchen" erwähnen?

"Bübchen" gibt es nicht, wer aber sagt "Mäd"? Oder schon mal von einem Kaffeekranz (Kaffeekränzchen), Stand (Ständchen) oder Schnapp (Schäppchen) gehört?

Es kommt von "Maid". Im großen Stil wurde der Begriff zuletzt in den 70ern verwendet, als die mittelbadische Stimmungskanone Tony Marshall "Schöne Maid, oh wann kommst Du heut' " sang.

Das einzig diskriminierende ist die weibliche Form an sich. Klar, früher war die Müllerin die Frau vom Müller und die Herzogin die Frau vom Herzog. Leider hat sich dieses auf die Berufsbezeichnungen übertragen. Es würde ansonsten nichts dagegen sprechen, eine Frau als Arzt zu bezeichnen oder als Lehrer. Oder Straßenbahnschaffner oder Sterbebegleiter. „Sie ist von Beruf Verkäufer“ wäre dann vollkommen geschlechtsneuteral und würde übrigens auch andere Geschlechtszugehörige nicht benachteiligen.

Rülpsen?! “Hier ist der Landfunk! Es spricht die Sau persönlich” – uralter Chauvi-Flachwitz, der die „ructationes“ auf das weibliche Borstenvieh bezog. Die Saubären taten es ja sowieso … und dieses lautmalende Wiederkäuen und Erbrechen konnte nur auf dem Lande stattfinden. Oder im Küchengarten, dessen Pflege selbstverständlich der ländlichen Hausfrau oblag (Martial, Epigrammata, 10, 48), darunter die Minze, die als „ructatrix“ galt. Daß einem hochnäsigen Dichter die Verse abgehen, als ob er sie rülpse, steht in der Ars poetica des Horaz (Epp. Vs. 457) – und Übersetzer Wieland benutzt tatsächlich das jüngere „rülpsen“, statt des frühneuhochdeutschen „rültzen“, das selbstverständlich seit je beide Geschlechter taten. Das Verbalsubstantiv „rültz“ bezieht sich beim Bauern auf flegelhaftes Benehmen allgemein; wenn eine Landfrau hingegen eine „rültz“ war, sah man in ihr unstatthafte sexuelle Freizügigkeit.
Tja, und daß alles verniedlicht wird zum neutralen „Bäuerchen“, hängt nun mal damit zusammen, daß Kindern in rechtsrheinischen Rechtskreisen kein bestimmtes Geschlecht (wegen Mangels an Mündigkeit) zugewiesen war. Ganz anders dagegen die romanischen Sprach- und Rechtsgewohnheiten, die sehr genau zwischen „puer/puerulus“ und „puella“ unterscheiden. Denn wie heißt die „Jungfrau von Orléans“, als sie sich vom Vater trennt?! „La Pucelle“ – in Deutschland hätte man unwirsch reagiert: Dieses Kind, es solle das lassen …