Die großen Fragen der Liebe Soll er sich per Hochzeitseinladung outen?

Eine Kolumne von
Aus der Serie: Liebeskolumne ZEITmagazin Nr. 14/2019

Frage: Markus und Ildar sind seit einigen Jahren zusammen und planen nun, was vor allem Ildar nie für möglich gehalten hätte: eine Familie zu gründen. Während Markus’ Eltern wissen, dass ihr Sohn schwul ist, und Ildar freundlich aufgenommen haben, schafft Ildar es nicht, seinen frommen russischen Eltern die Wahrheit zu sagen, wenn sie ihm mal wieder eine Cousine dritten Grades als Ehefrau vorschlagen. Jetzt haben Ildar und Markus einen Termin beim Standesamt, weil sie ein Kind adoptieren wollen. Markus hat Ildar nie gedrängt, sich bei seinen Eltern zu outen. Er schlägt vor, ihnen einfach die Einladung zur Feier der Lebenspartnerschaft zu schicken. Ildars Eltern entscheiden, ob sie kommen wollen oder nicht. Irgendwann müssen sie ja erfahren, was Sache ist!

Wolfgang Schmidbauer antwortet: Von den Möglichkeiten, "schlechte" Nachrichten zu überzuckern, ist die Massendrucksache wohl die am wenigsten angemessene. Ildar hat seinen Eltern nicht wirklich einen Gefallen getan, als er sie mit ihren Versuchen ins Leere laufen ließ, das von ihnen bisher nicht in seiner Substanz erkannte Problem der Ehelosigkeit ihres Sohnes mit ihren vertrauten Mitteln zu lösen. So schwer es fallen mag – er sollte ihnen persönlich sagen, dass er schwul ist. Dann kann er auch begründen, warum er das nicht schon früher getan hat, und ihnen die Einladung aushändigen mit der Bitte, doch zu kommen, auch wenn sie ihn für einen Sünder halten. So können sie zeigen, dass auch sie es mit einer Gesellschaft probieren wollen, die erotische Entscheidungen weniger normieren will, als manche Traditionen es gebieten.

Wolfgang Schmidbauer ist einer der bekanntesten deutschen Paartherapeuten. Was er in seiner täglichen Praxis erfährt, lesen Sie im Interview mit ZEIT ONLINE. Zuletzt erschien sein Buch "Raubbau an der Seele. Psychogramm einer überforderten Gesellschaft" (oekom verlag).

Haben Sie auch eine "große Frage der Liebe"? Schicken Sie eine Mail an liebeskolumne@zeit.de

Kommentare

1 Kommentar Kommentieren