Netzstoffe Die richtige Masche

© Peter Langer
Aus der Serie: Stilkolumne ZEITmagazin Nr. 14/2019

Wir sehen Netzstoffe in den Sommerkollektionen gerade überall. Ein Kleid aus zerrissenem Netz bei Chloé. In den Kollektionen von Dolce & Gabbana sowie bei John Galliano sind es Teile aus schwarzem Mesh. Für Louis Vuitton hat Nicolas Ghesquière ein unterfüttertes großmaschiges Netzkleid mit Schulterharnischen gestaltet, und J.W. Anderson hat ein Kleid im Programm, bei dem das Unterteil aus Netz besteht – ohne Unterfütterung. So ganz neu ist das nicht, denn das Netz ist in der Mode ein alter Bekannter. Zuerst tauchten Netze als Kleidungsstücke in den Märchen der Brüder Grimm auf. In ihrem Märchen Die kluge Bauerntochter wird dieser Bauerntochter vom König ein Rätsel gestellt: "Komm zu mir, nicht gekleidet, nicht nackend, nicht geritten, nicht gefahren, nicht in dem Weg, nicht außer dem Weg, und wenn du das kannst, will ich dich heiraten." Der König hält zudem den armen Vater des Mädchens gefangen, der Druck ist also groß. Um den Vater zu befreien, hüllt sich das Mädchen in Fischernetze und lässt sich an den Netzen von einem Esel bis zum Palast des Königs ziehen.

In diesen märchenhaften Wörtern ist bereits das gesamte Wesen des Netzkleides erfasst, "nicht gekleidet, nicht nackend". Denn wer sich mit Netz kleidet, der entspricht zwar der Norm, nicht nackt aus dem Haus zu treten. So richtig etwas am Leib hat er allerdings auch nicht. Im Grunde betont das Netz die nackte Haut sogar. Diese Kleidung ist also ein Zwitterwesen, halb Nacktheit, halb Nichtnacktheit und wird entsprechend auch gern in Halbwelten getragen.

So wurde etwa der Vorgänger der Netzstrumpfhose, der Netzstrumpf, 1890 in Frankreich erfunden – man sah ihn vor allem beim Bühnenschautanz Cancan, durch den er populär wurde. Netzstrümpfe werden bis heute gern bei Kabarett-Shows getragen – und dabei oft als erotisches Versprechen interpretiert. Auch im Fetischismus wird Netzkleidung entsprechend gepflegt. Aber längst nicht nur dort. Das durchbrochene Netzhemd etwa ist eines der modischen Leitmotive der Achtzigerjahre. Es wurde im Sommer direkt auf der Haut getragen. Beliebt waren die löchrigen Shirts in Weiß, Schwarz oder Neonfarben. Sie spiegelten perfekt den Zeitgeist dieses Jahrzehnts: Man zeigte, was man hat.

Im ähnlichen Sinne sind Netztaschen zu verstehen, die zurzeit in mehreren Kollektionen zu sehen sind. Sie zeigen, was man so alles mit sich herumträgt, sie verstecken weniger, als dass sie präsentieren. Wer so eine Tasche trägt, sagt: "Ich habe nichts zu verbergen – weil nämlich alles top ist!" So muss auch der König in Grimms Märchen gedacht haben. Er heiratete die Bauerntochter im Netz. Sie hatte sich als guter Fang präsentiert.

Foto: Peter Langer / Löchrige Sache: Tasche von The Bridge

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