Redewendungen Die doppelte Verneinung

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Über die wachsende Popularität der Aussage "Ich bin raus". Von
ZEITmagazin Nr. 14/2019

Wer früher "Ich bin raus" sagte, der spielte wahrscheinlich gerade Karten und wollte seine Mitspieler wissen lassen, dass er in dieser Runde nicht mehr mitbieten wollte. Heute sagen den Satz "Ich bin raus" auch Leute, die gar nicht Karten spielen: der Unternehmer Martin Herrenknecht, der kürzlich nach 36 Jahren die CDU verließ, genauso wie der in Ruhestand gegangene Finanzbürgermeister von Freiburg im Breisgau Otto Neideck und der nicht weiter für Kiss FM Frühstücksmoderator sein wollende Rapper Bushido.

Einige weitere Fundstücke: Alkohol oder Nikotin während der Schwangerschaft? "Nee, da bin ich raus" (eine Autorin einer Frauenzeitschrift). Die About you Awards für Influencer? "Also da bin ich raus" (ein Twitterer). Zu spät kommen und zu viel über sich selbst reden? "Da bin ich raus" (eine Schauspielerin). Pauschalurlaub und Reisegruppen? "Da bin ich raus" (ein Reisebuchverleger). Wenn der Typ extrem vulgär wird oder auf SM steht? "Sorry, da bin ich raus" (Charlotte L., 33, Single, in einer Boulevardzeitung).

Die Aussage "Ich bin raus" hat sich verbreitet, noch vor zehn Jahren war sie im Deutschen so gut wie unbekannt. Da gab es nur das englische "I’m out", was man damals wohl noch hätte übersetzen müssen mit: Ich mache nicht mehr mit, mir stinkt’s. Inzwischen hat sich das deutsche Raussein vom englischen Raussein entkoppelt. Man kann aus allem Möglichen raus sein, worauf man keine Lust hat, nicht nur aus Prinzip aus der CDU oder bei Kiss FM, und auch ohne dass einem etwas stinkt.

Nach dem abendlichen Essen mit Freunden noch was trinken gehen? "Ich bin raus." Eine Verabschiedung, die eher wie eine Kündigung klingt. Der Satz erspart einem jede Begründung. Die, die weitertrinken, müssen mit dem Umstand, dass man nicht weiter mit ihnen trinken will, eben klarkommen. Früher wurden in der gleichen Situation frühes Aufstehen oder aufziehende Erkältungen als Beweggründe angeführt. Heute genügt der Satz, gerne auch in der noch schrofferen Variante: "Sorry, da bin ich raus", meist wie ein einziges Wort ausgesprochen: "Sorrydabinichraus", sodass die Botschaft, dass das Bedauern nicht echt ist, in jedem Fall ankommt. Und der, der raus ist aus der Gruppe der Weitertrinkenden oder Pauschalurlaubsfreunde, fühlt sich aufgewertet: Er ist nicht so wie die anderen.

Die Variante "Ich bin da raus, ehrlich" legt moralische Gründe nahe, auch die müssen von da draußen nicht weiter begründet werden. Man kann übrigens auch "so was von raus sein", falls das Raussein allein nicht deutlich genug ist.

So wie der Ausspruch "Alles gut!" Dispute abwürgt, weil, obwohl in Wirklichkeit natürlich nicht alles gut ist, aber jetzt bitte Ruhe sein soll, würgt auch "Ich bin raus" Diskussionen ab, indem man sich damit erst distanziert und zusätzlich noch eine Tür zuschlägt, denn erst dann ist man ja richtig raus.

Eine die Redewendung populär machende Rolle dürften Carsten Maschmeyer und seine Mitjuroren gespielt haben, die in der Fernsehshow Die Höhle der Löwen diesen Satz zu sagen pflegten, wenn sie die Geschäftsidee eines Kandidaten nicht mehr unterstützenswert fanden. Obgleich viele Deutsche gerne und oft bekunden, Carsten Maschmeyer nun wirklich nicht zu mögen, und denken, sich ganz anders als er zu verhalten, wenn das Schicksal sie steinreich machen würde, haben viele seinen Satz doch übernommen.

Zu kündigen schafft eben doch ein gewisses Vergnügen, was man ja von Mobilfunkverträgen kennt. Da stellt sich, wenn die Kündigung nach langer Mailerei und Telefoniererei gelungen ist, durchaus Befriedigung ein. Erst mal wieder Freiheit für die nächsten 24 Monate! Der Satz "Ich bin raus" ist ein Jubelruf für jeden, der sich selbstbefreit und individuell fühlt, für jeden, der nicht mehr mitmachen will, beim Weitertrinken oder bei der CDU, ganz egal.

Der alte Slogan "Atomkraft? Nein danke" würde, stammte die Antiatomkraftbewegung aus dem Jahr 2019, wohl "Atomkraft? Da bin ich so was von raus" heißen. Im Vergleich klingt das alte "Nein danke" geradezu behutsam, nach einem Glas Wein, das man erst nach einigem Abwägen und auch nur wegen der möglichen Folgen doch lieber ablehnt.

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