© Herlinde Koelbl

Sara von Schwarze "Das Theater war meine Rettung"

Der Schauspielerin Sara von Schwarze half ein selbst geschriebenes Theaterstück, mit ihrer Wut zurechtzukommen. Von
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 14/2019

ZEITmagazin: Frau von Schwarze, Ihre Eltern sind in Deutschland geboren, dann aber in den 1960er-Jahren zum Judentum konvertiert und nach Israel ausgewandert. Haben Sie zu Hause Deutsch oder Hebräisch gesprochen?

Sara von Schwarze: In unserer Nachbarschaft wohnten viele Holocaust-Überlebende. Sehr bald hatte ich verstanden, dass wir aus dem "falschen" Land kamen und ich eine andere Geschichte habe als meine Nachbarn. Damals habe ich mich geschämt, Deutsch zu reden, und nur noch Hebräisch gesprochen. Unser Haus war sehr deutsch, mit einer Bücherwand voller deutscher Bücher. Wenn ich nicht einschlafen konnte, hat mir meine Mutter deutsche Schlaflieder gesungen, weil sie noch keine hebräischen kannte.

ZEITmagazin: Sie sagen, Sie haben schon früh verstanden, dass Sie eine andere Geschichte haben. Warum haben Sie so empfunden?

Von Schwarze: Der Holocaust war damals und ist auch heute noch eine offene Wunde in Israel. Wir wurden sehr gut in Israel aufgenommen und von der israelischen Gesellschaft akzeptiert. Dass meine Eltern als Deutsche mit drei Kindern ihr Land verlassen hatten, galt als heroisch. Mein Vater und meine Mutter wollten auch religiös leben, und so, wie wir waren, meine Mutter mit Kopftuch und ich mit langem Rock auf einer orthodoxen Schule, waren alle begeistert. Das war die "richtige" Geschichte. Erst mit der Hochzeitsfrage wurde es kompliziert. Der Mann, den ich kennengelernt und dann geheiratet habe, hatte eine wunderbare Familie. Sein Vater war ein traumatisierter Holocaust-Überlebender, aber voller Liebe und Geduld. Als sein Sohn mich vorgestellt hatte, hat er mich akzeptiert, aber auch geweint, weil ich aus Deutschland war.

ZEITmagazin: Haben Sie den Zwiespalt, in dem Sie lebten, lösen können?

Von Schwarze: Ich habe lange versucht, wie alle anderen zu sein, um dazuzugehören. Aber ich habe es nicht geschafft. Meine Schwester fühlt sich als Jüdin, aber ich habe das nicht so empfunden. Ich fühle mich immer zuerst als Frau. Das erste Gebet im Judentum, das ich gelernt habe, ist eines, das Männer beten: "Gelobt seist du, Ewiger, unser Gott, König der Welt, der mich nicht als Frau erschaffen hat." Mit sieben habe ich das verstanden und das Gebet ins Gegenteil verkehrt: "Gelobt seist du, Göttin, die mich nicht als Mann erschaffen hat." Irgendwann habe ich erkannt, dass ein Mensch das sein muss, was er ist. Ich bin die erste gebürtige Jüdin in der Familie, deswegen habe ich den Namen Sara bekommen. Ich bin Sara von Schwarze, das ist meine Geschichte. Mein ganzes Leben sitze ich zwischen den Stühlen. Das mag unbequem sein, verschafft aber einen weiteren Horizont.

ZEITmagazin: Hatten Sie als Schauspielerin das Gefühl, angekommen zu sein?

Von Schwarze: Das Theater war meine Rettung. Die Freiheit, durch die Rollen in die Köpfe von anderen Menschen zu schlüpfen, half mir zu verstehen, dass mein Leben zwar kompliziert ist, aber nicht so schlimm. Mithilfe dieser anderen Charaktere konnte ich mich endlich äußern. Vorher habe ich mich immer kleiner gemacht, weil ich nicht alles sagen konnte und nicht die richtige Herkunft hatte. Ich hatte immer das Gefühl, dass ich vorsichtig sein muss und nicht gut genug bin. Durch die verschiedenen Rollen versuche ich mich als Mensch zu entwickeln.

ZEITmagazin: Sie haben auch ein Theaterstück über Ihre eigene Vergangenheit geschrieben, inszeniert und darin die Hauptrolle gespielt.

Von Schwarze: Ich habe damals verstanden, dass jemand, der schreibt, sich selbst in die Charaktere hineinschreibt. Bei dem Stück bin ich also nicht nur ich, sondern auch mein Vater und alle anderen. Viele Jahre konnte ich die Entscheidung meiner Eltern nicht begreifen. Jetzt verstehe ich die beiden besser, aber lange war ich so wütend, dass ich die ganze Welt kaputt schlagen wollte. Mit 38 habe ich zurückgeschaut, was ich bisher gemacht hatte, und beschlossen, alles zu ändern. Ich habe mich scheiden lassen und einen neuen Mann gefunden, mit dem ich bis jetzt zusammen bin. Ich wollte auch nicht mehr wütend sein, und das Stück war ein Weg, meine Wut rauszulassen. Aber ich kann nicht ganz ruhig sein, ich bin ein "Tsunami".

ZEITmagazin: Waren Sie bei all den Auf und Abs in Ihrem Leben auch mal völlig verzweifelt?

Von Schwarze: Nach der Armee und auch nach der Schauspielschule. Da habe ich jeweils empfunden, dass alles – Leben, Arbeiten, Liebe – so kompliziert war. Aber dann habe ich gedacht: Jetzt bist du schon hier, jetzt geh auch den ganzen Weg. Ich habe meine Geschichte und das, was ich daraus gelernt habe, angenommen, verarbeitet und weitergegeben. Ich bin sehr stolz auf den Weg, den ich zurückgelegt habe, und auf das, was aus mir geworden ist.

Das Gespräch führte Herlinde Koelbl. Sie ist Fotografin und gehört neben dem Psychologen Louis Lewitan, Evelyn Finger, Anna Kemper, Ijoma Mangold, Christine Meffert und Khuê Phạm zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe.

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