Wutanfälle "Jetzt ist alles kaputt!!!"

© Aline Zalko
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Aus der Serie: Prüfers Töchter ZEITmagazin Nr. 14/2019

Juli macht nicht gerne frustrierende Erfahrungen. Das hat sie wohl mit jedem Menschen gemeinsam. Aber relativ bemerkenswert ist ihre Art, damit umzugehen: Wenn sie einen Fehler macht, wird sie manchmal so wütend, dass man nur noch beiseitespringen kann. Die Anzeichen für einen bevorstehenden Wutanfall sind schwer zu ermitteln. Ihr Zorn entspringt nämlich nicht einer schlechten Grundstimmung oder ist das Ergebnis eines schwelenden Konfliktes; es gibt kein langes Hin und Her. Alles ist sofort hin.

Meist geschehen die Ausbrüche in einem Zustand tiefster Konzentration. Zurzeit ist Juli sehr konzentriert. Denn sie bereitet sich auf die Schule vor. Sie kommt in die erste Klasse, ist aber der Meinung, dass man sie ruhig schon in die zweite Klasse schicken könnte, denn sie kann ja schon ziemlich viel. Juli kennt nämlich schon alle Buchstaben. A, B, C, D, E, F, G, H, I, J, K, L, M, N, O, P, Q, R, S, T, U, V, W, X, Y, Z.

Juli sagt: "Papa, sag doch mal, wie man Papa schreibt." – "P – A – P – A." – "Das weiß ich doch, du sollst mir aber sagen, was der erste Buchstabe ist." – "Ein P." – "Das weiß ich doch, du sollst mir doch nur sagen, was für ein Buchstabe das ist." – "Ein Stängel mit einer komischen Beule oben dran." – "Das weiß ich doch!" Dann malt Juli mit höchster Konzentration ein P auf ein Blatt Papier. "Und was kommt dann?" – "Ein A." – "Ach, Papa, A, das kenne ich doch, das ist doch ganz einfach, das ist wie bei Mama!" Juli malt ein A neben das P. Nicht ganz genau neben das P, aber schon so in die Nachbarschaft. "Und was kommt dann?" – "Na, wieder ein P." – "Aber das hatten wir doch schon!" – "Ja, aber das brauchen wir trotzdem noch mal, das A kommt ja auch noch mal." – "Hast du nur so wenige Buchstaben?" Juli sagt das so, als sei sie etwas enttäuscht, dass ihr Vater als Lebensbilanz nur ein paar lumpige Lettern vorzuweisen hat. Wer so viele Jahre auf der Welt ist, der sollte doch etwas mehr im Alphabet abgestaubt haben! Und dann passiert es: Juli will das P malen, aber jetzt wächst dem Buchstaben die Beule an der linken Seite und nicht an der rechten Seite heraus. Juli bemerkt den Fehler sofort, und die Hölle bricht los. "JETZT IST ALLES KAPUTT!!!" – "Aber Juli, das sieht doch ganz schön aus." – "NEIN, ALLES IST KAPUTT, DAS SIEHT GANZ DOOF AUS!" – "Aber wir können das doch verbessern!" – "DAS MUSS ABER GANZ ORDENTLICH VERBESSERT WERDEN!" Ich bemühe mich, dem Buchstaben irgendwie eine andere Beule zu malen, aber natürlich sieht es nicht "ganz ordentlich" aus. – "DAS SIEHT JETZT NOCH VIEL SCHLIMMER AUS, DU HAST ES NOCH KAPUTTER GEMACHT!" Nun rennt Juli mit den Armen fuchtelnd weg, Verwünschungen gegen ihren Vater ausstoßend.

Ich glaube tatsächlich, dass es nicht einfach ist, das kleinste von vier Geschwistern zu sein. Überall machen alle alles besser. Sie schreiben mit den Beulen an den richtigen Seiten, und sie malen schönere Bilder. Ständig ist man mit der Aufholjagd beschäftigt.

Juli schimpft nicht immer mit mir, manchmal schimpft sie auch mit dem Papier, wenn ein Bild nicht so wird wie gewünscht. "Blödes Papier, ich schmeiß dich gleich in den Müll!", wettert Juli dann. Ich glaube, ihre Schulhefte können sich schon mal auf etwas gefasst machen.

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