© Iris Humm

"apartamento" "Wir wollten nie vorgeben, was cool ist"

Vor elf Jahren gründeten Nacho Alegre, Marco Velardi und Omar Sosa "apartamento". Das Magazin wurde stilprägend, weil es Wohnungen und Häuser zeigt, in denen wirklich Menschen leben. Wie wohnt die Redaktion selbst? Ein Besuch in Barcelona. Interview:
ZEITmagazin Nr. 15/2019

ZEITmagazin: Sie haben 2008 zu dritt das Designmagazin apartamento gegründet. Als Sie an der ersten Ausgabe arbeiteten, hatten sich Omar Sosa und Marco Velardi nie persönlich getroffen. Wie kam es, dass Sie trotzdem zusammenfanden?

Omar Sosa: Nacho und ich kommen aus Barcelona. Wir haben damals beide für unterschiedliche Magazine gearbeitet, Nacho als Fotograf und ich als Gestalter. Wenn wir uns getroffen haben, stellten wir uns immer vor, wie toll es wäre, unser eigenes Heft zu machen. Wir haben uns für Einrichtung interessiert, aber es gab kein Magazin, das Design so behandelt hat, wie wir es gerne gemacht hätten.

Nacho Alegre: In der Zeit war ich als Fotograf viel unterwegs und habe oft bei unterschiedlichen Freunden auf der Couch übernachtet. Ich hatte Freunde in ganz Europa und dachte, man müsste mal all diese interessanten kreativen Leute in ihren Wohnungen fotografieren. Also haben Omar und ich zuerst an einem Fanzine gearbeitet. Zu der Zeit bin ich häufig nach Mailand gereist. Dort lernte ich über einen gemeinsamen Freund Marco kennen, der damals in Mailand wohnte und für ein Mailänder Magazin und einen Schweizer Verlag arbeitete. Ich zeigte ihm meine Entwürfe, und ein paar Tage später rief er mich an und sagte: Das ist cool! Ich will mit euch arbeiten.

ZEITmagazin: Wie sah anfangs der gemeinsame Arbeitsprozess aus?

Marco Velardi: Wir hatten alle parallel andere Jobs und kommunizierten über E-Mails und Skype.

Alegre: Abends, nachdem wir unsere Brotjobs erledigt hatten, haben wir an unserem Magazin gearbeitet, ganz einfach, weil wir Lust drauf hatten.

ZEITmagazin: Sicher nicht leicht, so etwas nebenbei zu stemmen – gab es auch Momente, in denen es Ihnen zu viel wurde?

Sosa: Es gab einen Punkt, an dem wir feststellten, dass apartamento zwar eine Herzensangelegenheit ist, wir aber kein Geld damit verdienen. Wir waren alle Anfang 30 und fragten uns: Wollen wir das für den Rest unseres Lebens machen? Wollen wir mit diesen Typen ewig weiter verbunden sein? Wir haben uns sinnbildlich gesagt: Entweder wir hören jetzt auf, oder wir heiraten! Wir haben uns dann entschieden, zusammenzubleiben und unseren verschiedenen Projekten von nun an unter dem Dach des Labels "apartamento" nachzugehen. Es fühlt sich gut an. Wir werden größer, im vergangenen Jahr habe ich ein apartamento-Büro in New York aufgemacht.

ZEITmagazin: Mittlerweile arbeiten drei fest angestellte Redakteure und viele freie Autoren und Fotografen für das Magazin, 2018 haben Sie Ihr zehnjähriges Jubiläum gefeiert. Wie würden Sie Ihre Rollen in der Redaktion beschreiben?

Alegre: Wir entscheiden fast alles gemeinsam, deswegen ist es oft ein zäher Prozess, weil jeder von uns meinungsstark ist. Abgesehen davon hat Omar das letzte Wort, wenn es um Design geht. Marco ist der Einzige, der mit unseren Anzeigenkunden spricht. Ich verwalte das Geld.

Velardi: Aber es gibt keine Hierarchie zwischen uns.

ZEITmagazin: Könnte man sich Ihre Gruppendynamik so wie in einer Musikband vorstellen?

Alegre: Omar sagt manchmal, dass wir auf eine schlechte Art und Weise an eine Band erinnern. Aber wir sind auch auf eine gute Art und Weise wie eine Band!

Sosa: Das Gute an einer Band ist, dass es sich echt anfühlt und natürlich, man ist nicht aus strategischen Gründen zusammen, sondern wird von der Lust getrieben. Das Schlechte ist, dass man nicht so gut organisiert ist. Aber dieses Chaos schafft auch Energie, und das tut dem Magazin gut. Wir ähneln ja eher National Geographic als einem Lifestyle-Magazin: Unser Heft ist immer ähnlich aufgebaut, es gibt keine Themen-Specials, sondern eine klare Struktur. Wir besuchen kreative Leute in ihren Wohnungen oder Studios und interviewen sie. Aber auch nach elf Jahren mit dieser Struktur haben wir immer noch viel Spaß daran.

ZEITmagazin: Sie leben alle drei in festen Beziehungen. Wie groß ist der Einfluss Ihrer Partnerinnen auf das Heft?

Sosa: Meine Frau hat eine ziemlich klare Meinung dazu, wer in apartamento porträtiert werden sollte und wer nicht. Ihr geht es nicht so sehr um ästhetische Fragen, sondern darum, ob die Person interessant genug ist. Marcos Frau achtet immer darauf, dass genauso viele Frauen wie Männer im Heft vertreten sind.

ZEITmagazin: Ist apartamento für Sie auch ein gutes Instrument, um interessante Leute kennenzulernen?

Alegre: Das ist das Beste daran! Wenn ich zum Beispiel in Beirut Urlaub mache, und da gibt es einen Künstler, den ich unbedingt treffen möchte, dann maile ich ihm. Dank apartamento stehen die Chancen nicht schlecht, dass er sich mit mir trifft. Dabei geht es erst mal gar nicht sofort um eine Story, aber das Magazin ist ein Türöffner, um mit kreativen Leuten in den Austausch zu kommen.

Kommentare

1 Kommentar Kommentieren