© Robert Rieger

Duftkerzen Der Geruch von Walderdbeeren

Die Düfte unserer Kindheit speichern wir ein Leben lang. Mario Lombardo und seine Partnerin Vanessa Obrecht versuchen, diese Erinnerungen mit ihren Duftkerzen wachzurufen. Von
ZEITmagazin Nr. 15/2019

Der erste Duft, den Mario Lombardo in eine Kerze goss, war der Duft seiner Mutter. Er nannte ihn "N", nach ihrem Vornamen: Nilda. Sie roch nach Rosen und Minze, und es war kurz nach ihrem Tod, als er sich überlegte, seinen Beruf zu wechseln – weil er einen Weg finden wollte, Erinnerungen zu konservieren.

Früher war Lombardo Grafikdesigner, entwickelte Logos für Firmen und verwandelte Magazine in Gesamtkunstwerke. Er hatte eine eigene Agentur, war für Dutzende Projekte verantwortlich und für zehn Mitarbeiter, die auf ihn zählten. Ein Job, in dem er kreativ sein durfte, aber auch vernünftig sein musste, jeden Tag. Wenn Hirnregionen Muskeln wären, könnte man sagen: Er hatte zu dieser Zeit einen gestählten Frontalkortex. Das ist der Bereich, der Probleme löst, Impulse kontrolliert und sich Wörter merkt. Als Lombardo entschied, sich mehr auf die Düfte zu konzentrieren und weniger auf seine Agentur, aktivierte er plötzlich andere Regionen seines Kopfes. Es fühlte sich nach einem Spiel an. Nach Sichtreibenlassen statt Entscheidenmüssen.

Wir haben keine Worte für Gerüche. Wir ekeln uns vor ihnen oder lieben sie, ohne erklären zu können, wieso. Wir erinnern uns daran, wie das Wohnzimmer unserer Eltern gerochen hat oder der Park in der Nachbarschaft an einem Frühlingstag. Konkret beschreiben lassen sich diese Düfte kaum. Was wir riechen, geht an unserer Vernunft vorbei, man könnte sagen: Es geht direkt ins Herz.

Dass Menschen schlecht riechen können, ist eine Lüge. Also: dass sie nicht gut darin sind, Düfte zu erkennen. Der Gehirnchirurg Paul Broca stellte diese These im 19. Jahrhundert auf. Indem er die Gehirne unterschiedlicher Spezies ansah, wollte er den Unterschied zwischen Menschen und Tieren herausfinden – und landete dabei im Riechzentrum des Gehirns. Menschen haben, wenn man sie mit Hunden oder Mäusen vergleicht, ein verhältnismäßig kleines Riechzentrum. Von dort schießen Signale in die evolutionär älteste Region unseres Gehirns: das limbische System. Die Region, in der wir Gefühle und Bilder speichern, die Reflexe auslöst und Triebe. Riechen ist also Affekt. Und bei Menschen, so folgerte Paul Broca, ist der Geruchssinn verkümmert, weil sie vernünftig sind. Nicht der Trieb regiert, sondern der Verstand.

Die Lüge von den unfähigen Menschennasen hat sich lange gehalten und dafür gesorgt, dass Forscher, Künstler und Designer den Geruchssinn vernachlässigten. Zwar steckte man viel Liebe in die Entwicklung von Parfüms – doch die Frage, wie unsere Umgebung riecht und was das mit uns macht, die stellte sich lange niemand.

Mario Lombardo stieg gerade aus einem Flugzeug, als ihm zum ersten Mal auffiel, wie stark das Duftgedächtnis ist. Er war fünf Jahre alt, als seine Eltern 1978 mit ihm aus Argentinien vor der Diktatur nach Deutschland flohen, und 20 Jahre alt, als er zurückkehrte. In dem Land, das seine Heimat hätte sein können, erkannte er nichts wieder. Kein Bild in seinem Kopf hatte etwas mit dem zu tun, was er sah. Das Einzige, was ihm ein Gefühl von Vertrautheit gab, waren die Gerüche. Er wusste nicht, woher sie kamen. Aber sie gehörten zu ihm.

Aus diesem Gefühl heraus gründete er 2014 das "Atelier Oblique". Ganz aufgegeben hat er seinen alten Beruf nicht, er arbeitet nebenher weiter als Designer, aber ohne Angestellte. Im Atelier entwickelt er die Düfte; die Aufgaben, die den Frontalkortex stählen, hat seine Partnerin Vanessa Obrecht übernommen, sie ist Geschäftsführerin. Gemeinsam wollen sie dem Geruchssinn Anerkennung schenken: ihn herausfordern, aber nicht überfrachten, so wie Räucherstäbchen oder Air-Wick-Lufterfrischer es tun. Obrecht und Lombardo glauben, dass Design mehr ist als das, was man sieht – dass der Duft eines Raums genauso wichtig ist wie die Wandfarbe. Der Trend ist nicht ganz neu. Die Modemarke Abercrombie & Fitch betreibt seit Jahren etwas, das Marketingmenschen Duftbranding nennen. Kunden sollen sich in jedem ihrer identisch riechenden Läden fühlen, als träfen sie einen Freund, dessen Parfüm sie wiedererkennen. In Swissôtels riecht es immer gleich. Es gibt Sprays für Autos, damit sie wie Neuwagen riechen.

Wer sich von Lombardo und Obrecht durch das Atelier führen lässt, von Kerze zu Kerze, fühlt sich wie bei einer emotionalen Weinverkostung. Es ist einer der ersten Frühlingstage in Berlin, und Vanessa Obrecht hat die Tür aufgerissen, um frische Luft hereinzulassen, damit die Nase sich zwischendurch erholen kann. Die Kerzen warten auf einem langen, weißen Tisch unter Duftglocken aus durchsichtigem Glas, alle unterschiedlich groß und anders geformt, so wie ja auch die Düfte, die sich darunter sammeln, ganz verschieden sind.

Kerzen aus dem Atelier Oblique © Robert Rieger

Die Kerzen hingegen sehen alle gleich aus: helles Wachs in einem weißen Glas mit schwarzem Rand. Ihre Schlichtheit erinnert an die Tasten einer Schreibmaschine: Sie unterscheiden sich nur durch das Etikett, auf dem jeweils ein anderer Buchstabe steht. 27 Kerzen gibt es, 26 tragen die Buchstaben von A bis Z, die 27. trägt ein "&". Jede kostet 58 Euro und brennt 40 Stunden.

Vokabeln und Fakten kann man vergessen. Düfte behält man. Weil die Erinnerungen an Düfte aus Bildern und Gefühlen bestehen, verbrauchen sie wenig Speicherplatz in unseren Köpfen und bleiben dort. Die 27 Kerzen, die in Lombardos Atelier stehen, riechen nach seinen Erinnerungen: das "N" eben nach seiner Mutter, das "Q" nach einer Holzschublade im Haus seiner Großeltern. Über diese Erinnerungen hat er Gedichte geschrieben. Zum Beispiel über den Moment, als er als Kind die Schublade aufzog:

Das Wissen schlummert tief. Dunkel und verankert findet es immer das Licht. Äußert sich im Instinkt und spricht die Weisheit des Herzens.

Man kann es esoterisch finden, wie er seine Kerzen entwickelt hat. Dabei ist es recht logisch, Duft und Lyrik zu verbinden. Unser Geruchssinn ähnelt der Art, wie wir Sprache verstehen: weil sich jeder Duft aus Teilen zusammensetzt, die wir zu einem Sinn zusammenfügen. Eine bestimmte Kombination aus Parfüm, Waschmittel und Haarspray zerlegen wir nicht in die einzelnen Komponenten, bevor wir wissen, wem sie gehört. Genau wie wir Worte nicht in ihre Laute und Buchstaben zerlegen müssen, bevor wir ihre Bedeutung verstehen. Wie ein Name oder eine Stimme erinnert uns ein Geruch vielleicht an den Menschen, den wir lieben – oder an einen, den wir mal geliebt haben.

Die Gerüche, die Lombardo mit seinen Erinnerungen verbindet, und die Gedichte, eine Mischung aus Träumerei und Konkretion, gab er an die Parfümeure von Robertet in Grasse weiter. Bei der Schublade war das der Duft von Bergamotte, Kardamom und Zedernholz. Die Parfümeure schufen daraus die Kopf-, Herz- und Basisnote für die Kerze, schickten verschieden gemischte Proben zurück, und so ging es hin und her, bis Duft und Erinnerung eins waren.

Ein Parfüm aus dem Atelier Oblique

Als Lombardo die Glasglocke über dem "G" anhebt, riecht es nach Patschuli – ein Duft, der viele spontan zurückschrecken lässt. Geruchs-Ekel lässt sich kaum überspielen, weil auch er Reflexe in uns auslöst. Wir bewerten Gerüche, bevor wir sie verstehen. Fühlen, bevor wir denken.

Anfangs war Lombardo beleidigt, wenn jemandem ein Duft nicht gefiel. Heute lächelt er wie ein Künstler, dessen Werk die Leute überfordert. Emotionen halten sich nicht an ästhetische Regeln. Was eine Person anzieht, kann die nächste abstoßen; das gilt für Gerüche noch mehr als für Geschmäcker.

Eigentlich verrückt, dass man seine Kerzen trotzdem in seinem Online-Shop kaufen kann. "Aber die meisten Kunden dort kennen die Düfte schon aus dem Atelier", sagt er. Außerdem stehen seine Kerzen und Parfüms in Geschäften in ganz Europa. Die gesamte Kollektion bringt kaum ein Einzelhändler unter, viele verkaufen nur die Kerzen, deren Buchstaben den Namen ihres Geschäfts ergeben – genau wie viele Kunden, die in Lombardos Atelier gar nicht lange probeschnuppern wollen. Sie greifen sich einfach direkt den Anfangsbuchstaben ihres Vornamens.

Die Kerzen riechen nach Mario Lombardos Erinnerungen.

Die meisten Erinnerungen, die meiste Inspiration sammelt Lombardo auf Reisen. Als Nächstes würde er gerne in die Antarktis, um einen Duft zu entwerfen, der den Naturgewalten dort nahe kommt, der Kälte, der Einsamkeit. Wenn man ihn fragt, ob es einen Geruch gibt, der ihn abstößt, will er keine Antwort geben. "Es kommt auf die Situation an", sagt er. "Auch Zigarettenrauch und Alkohol können uns ein gutes Gefühl geben, weil sie uns an eine lange, intensive Nacht erinnern." Vanessa Obrecht weiß direkt eine Antwort: der Geruch von Erdbeermarmelade aus dem Supermarkt. Sie ist in den Schweizer Bergen aufgewachsen, als Kind aß sie Walderdbeeren, direkt vom Strauch. "Dieser künstliche Erdbeergeruch ist für mich wie ein Betrug an den Erdbeeren meiner Kindheit", sagt sie, "an der selbst gekochten Marmelade und der Natur, die ich kenne."

Zu sich selbst finden. Noch so ein Trend, von dem alle sprechen. Wer versucht, zu sich selbst zu finden, landet oft bei Meditations-CDs und im Schweigekloster. Wer aber etwas riecht und dabei fühlt, der hat gar nicht die Chance, jemand anderes zu sein.

Diesen Gedanken nimmt man mit, wenn man das Atelier Oblique verlässt: dass der Geruch von Walderdbeeren oder dem Flughafen von Buenos Aires, also der Geruch von Erinnerungen ein kostbares Gefühl auslösen kann. Das Gefühl, anzukommen – ohne erklären zu können, warum.

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