Loewe-Kollektion Im Land der tanzenden Borsten

© Peter Langer
Aus der Serie: Stilkolumne ZEITmagazin Nr. 15/2019

Als die spanische Luxusmarke Loewe ihre Frühjahr-Sommer-Kollektion zeigte, liefen die Models auf dem Laufsteg zwischen Werken von drei zeitgenössischen Künstlern hindurch. Die Kulisse der Show war eine Verbeugung vor Signals London – einer experimentellen Kunstgalerie der Sechzigerjahre. Am meisten stachen zwei kinetische Skulpturen von Lara Favaretto heraus, die links und rechts des Laufstegs installiert waren. Sie erinnerten an große Bürsten, wie man sie aus einer Autowaschanlage kennt.

Loewes Chef-Designer Jonathan William Anderson spielt in seiner Kollektion mit der Wahrnehmung des Menschen als eine sich bewegende Skulptur: Seine Entwürfe sind von bauschigen Federn und übertriebenen Proportionen geprägt. Die Waschbürsten vom Laufsteg ließ der Designer auch in der Kollektion seiner eigenen Marke JW Anderson auftauchen – hier in Gestalt feiner Kleider, die mit großen, buschigen Federn geschmückt sind. Und er ist nicht der Einzige, der den Bürstenlook feiert: Anthony Vaccarello zeigt bei Saint Laurent bürstenähnliche Elemente, und auch bei den Schauen von Mary Katrantzou, Comme des Garçons und Rochas waren raue und struppige Elemente zu sehen. Koché zeigte auf dem Laufsteg sogar ein Top, das wie ein Flaschenputzer wirkte.

Was bloß macht die Autowaschanlagen-Bürste so zeitgemäß? Die meisten dieser explodierenden Silhouetten sind aus Federn gefertigt – und die Feder ist in der Luxusmode derzeit omnipräsent. Das hängt damit zusammen, dass Pelz in der Mode mittlerweile sehr diskreditiert ist. Die Feder löst keine vergleichbaren Abwehrreaktionen aus (obwohl viele Vogelfedern unter kaum weniger zweifelhaften Umständen gewonnen werden).

Aber hat es womöglich auch mit der Autowaschanlage selbst zu tun? Die Waschstraße ist einer der letzten Orte der Kontemplation, die uns geblieben sind. Und noch dazu einer, der für Kinder und Erwachsene gleichermaßen einen gewissen Zauber hat. Man fährt mit dem Auto in die Anlage hinein und ist gezwungen, sich dem hinzugeben, was kommt. Seltsame Riesen führen vor und neben einem einen Tanz auf und bearbeiten den Wagen mit ihren Borsten, gleichzeitig trommelt ein riesiges Wuschelding von oben gegen das Dach. Man wird beregnet wie während des Monsuns. Bunte Lichter flackern auf, und man stößt auf Wörter, die es nur in der Waschstraße gibt: "Heißwachspflege" etwa oder "Unterbodenschutz". Ein eigenes Land mit einer eigenen Sprache, durch das man im Auto sitzend gezogen wird. Fünf Minuten Einkehr wie beim Gebet. Schade nur, wenn man lediglich ein Fahrrad hat.

Foto: Peter Langer / Vorsicht, flauschig: Kleid von MSGM

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