© Dave Tacon

SmartHome Smartes Heim, Glück allein

In China macht sich ein neues Lebensgefühl in den Apartments der aufsteigenden Mittelschicht breit: Die künstliche Intelligenz zieht ein. So, wie es vielleicht bald auch in Europa passieren wird. Von
ZEITmagazin Nr. 15/2019

Man kann sich Xiao Ou vorstellen wie einen freundlichen Hausgeist, der bei Lei Dongmei und Yang Anshan wohnt. Kommt das Ehepaar abends nach Hause, hat die digitale Sprachassistentin schon dem Staubsauger befohlen, den Boden zu saugen. Die Klimaanlage hat die Temperatur auf 21 Grad vorgekühlt, der Luftbefeuchter bläst dünnen Nebel in die Räume. Sobald einer der beiden den Schlüsselcode eingibt und die Tür aufschwingt, beginnt es an der Deckenleiste zu surren: Xiao Ou zieht die Vorhänge auf, der Blick auf die Stadt ist frei. Auf das Stichwort "Xiao Ou, wir sind zu Hause!" geht im Wohnzimmer Licht an, das Internetradio schaltet sich ein. Lei und Yang, 27 und 28 Jahre alt, sind frisch verheiratet und sind vor vier Wochen in eine Wohnung eingezogen, in der eine künstliche Intelligenz – eben Xiao Ou – für Komfort sorgt. Lei und Yang leben nicht in einer Villa bei Shanghai oder in einem Design-Apartment in Shenzhen. Sie fahren kein Auto und haben noch nie ihre Heimatprovinz Sichuan in Südwestchina verlassen. Sie sind ein Beispiel dafür, wie Technologie längst den Wohnalltag ganz normaler Chinesen prägt. Wer die beiden besuchen will, muss über die Ringautobahn an der Acht-Millionen-Metropole Chengdu vorbei in eine neu gebaute Hochhaussiedlung fahren. Werbeposter weisen den Weg in die Lakeshore Famous City mit ihren geschwungenen Gehwegen und frisch gestutzten Sträuchern. Auf den Plakaten sind Frauen in Abendkleidern, teurer Whiskey und das Empire State Building abgebildet: Symbole für den Ehrgeiz der Wohnungskäufer, die hier an der Peripherie an ihrem Aufstieg aus der unteren Mittelschicht arbeiten.

Lei und Yang kommen beide vom Land. Lei ist Kindergärtnerin. Als Sechsjährige hat sie den Großeltern auf dem Reisfeld geholfen, während ihre Eltern in einer Elektrofabrik in der Küstenprovinz Fujian Geld verdienten. Vor wenigen Jahren, mit Anfang zwanzig, kaufte sie ihr erstes Handy, vor einigen Wochen ihren ersten Fernseher, der noch in Styropor verpackt neben der Küchentür lehnt. Lei arbeitet sieben Tage die Woche, neben ihrem Job im Kindergarten bestückt sie am Wochenende Supermarktregale. Ein Drittel ihres Gehalts wollen sie und ihr Mann, der als Verkäufer in einem Getränkemarkt arbeitet, sparen, um später das Leben zu führen, das ihre Eltern nur aus Filmen kennen: Lei sagt, sie wolle nach Thailand reisen, Yang träumt von der Tropeninsel Hainan. Aber erst muss das Heimkino installiert werden. Yang freut sich auf die künftigen Abende: Wenn er dann nach Hause kommt, hat Xiao Ou den Lieblingsfilm aus dem Netz geladen und über die App Eleme ("Hast du Hunger?") Essen bestellt.

Etwas schüchtern führen die beiden auf Plüschpantoffeln durch die frisch gestrichenen Räume im 14. Stock. Die Eltern der beiden haben ihnen die Anzahlung für die Wohnung zur Hochzeit am Valentinstag 2018 geschenkt. Die Smart-Home-Anlage MixPad mit der Sprachassistentin Xiao Ou ist der erste Luxus, den sich das Paar leistet: Ungefähr 800 Euro hat sie gekostet, fast so viel, wie beide im Monat zusammen verdienen. Der Staubsaugerroboter, den Lei während der Arbeit über die MixPad-App durch die Wohnung schickt, hilft gegen Überstunden im Haushalt. Nachts reicht ein Griff zum Handy, um für den Weg ins Bad die Flurlichter anzuschalten. "Wir schlafen sowieso beide mit dem Smartphone neben dem Kopf", sagt Lei. Nach und nach können sie weitere Funktionen dazukaufen.

Die Handy-App der Smart-Home-Anlage MixPad © Dave Tacon

All das ist nur ein Vorgeschmack auf das Wohnen der Zukunft, wie der Erfinder von MixPad und andere Hersteller es sich vorstellen. China ist bereits jetzt nach den USA der zweitgrößte Markt für Smart-Home-Technologien: Hunderte Produzenten setzten 2018 zusammen sieben Milliarden Dollar um, mit Reiskochern, die selbst nach Rezepten suchen, und intelligenten Waschmaschinen, die die Wäscheladung prüfen und dann eigenständig das Waschprogramm auswählen. Zu den beliebtesten Trends zählen smarte Bidet-WCs: Der Smart Mi Toilet Seat des Herstellers Xiaomi etwa filtert die Luft, Deckel und Spülung lassen sich per Voice-Control steuern, ebenso Richtung, Stärke, Massage-Art und Temperatur des reinigenden Wasserstrahls. Im Toilettenentwicklungsland China wird damit eine ganze Stufe übersprungen: Bis heute bestehen viele WCs lediglich aus einem Keramikloch im Boden.

Orvibo in Shenzhen ist die Firma, die MixPad auf den Markt gebracht hat: ein Start-up, das das Wohnen mit einer voll integrierten Steuerung von Grund auf revolutionieren will. Der Firmengründer spart nicht mit großen Vergleichen. "Das iPhone hat das Verhältnis der Menschen zu Informationen verändert. Wir wollen die Beziehung der Menschen zu Räumen neu gestalten", sagt Wang Xionghui. Wang, 34 Jahre alt, ein drahtiger Computeringenieur in Polohemd mit dünn gerahmter Brille, ist einer der vielen ehrgeizigen Firmengründer, die in Shenzhen am nächsten großen Ding arbeiten. Chinas Silicon Valley wird die Zwölf-Millionen-Stadt im südlichen Perlflussdelta häufig genannt, die vor 30 Jahren noch ein Fischerdorf war. Chinas erfolgreichste Smartphone-Produzenten Huawei und Xiaomi sowie der weltgrößte Drohnenhersteller DJI haben hier ihren Sitz. Im Nordwesten der Stadt reiht sich Tech-Gelände an Tech-Gelände. Eines der beliebtesten Büroutensilien, die man hier in den jungen Start-ups sieht, sind aufklappbare Feldbetten für Workaholics, die Labor oder Schreibtisch nur verlassen, um sich im Convenience-Store Instantnudeln zu holen. Die Büros von Orvibo liegen im Industriepark Nanshan im achten Stock eines Hochhauses. Wang Xionghui sitzt auf einem Ledersofa, hinter ihm donnert eine Hochbahn ins Stadtzentrum. Auch Wang stammt aus einfachen Verhältnissen, seine Eltern betrieben auf dem Land einen Kiosk. Mit einem gebrauchten IBM-Computer brachte er sich in den Neunzigern Programmieren bei; die Biografien von Bill Gates und Steve Jobs hat er natürlich gelesen.

Das Bedienelement der Smart-Home-Anlage MixPad © Dave Tacon

Als er 2011 mit seiner heutigen Frau die erste gemeinsame Wohnung bezog, fing er an, zu Hause die Steckdosen von Fernseher und Klimaanlage zu programmieren. So kam ihm die Idee für sein eigenes Unternehmen. Seit Google 2014 das Smart-Home-Start-up Nest für drei Milliarden Dollar gekauft hat, melden sich die Geldgeber in Shenzhen von allein, sagt Wang: "In einem Meeting sagte ich vormittags, ich brauche eine Million. Nachmittags rief der Investor zurück und sagte, er gebe mir zwei." Heute hat Orvibo etwa 200 Mitarbeiter. Mit einem Jahresumsatz von 25 Millionen Dollar zählt das Unternehmen bislang zu den kleineren Anbietern. Aber anders als die Konkurrenz bietet Orvibo nicht nur einzelne Produkte, sondern ein ganzes Wohngefühl: Über ein zentrales Bedienelement an der Wand steuert man von Licht und Vorhängen über Soundsystem und Dunstabzugshaube bis hin zu Türschloss und Sicherheitskameras alle Elemente einer Wohnung. Seit Oktober 2018 ist das sogenannte Full-Home-System MixPad auf dem Markt. Kunden sind wohlhabende Chinesen in den Küstenmetropolen, aber auch Familien und Paare aus der Mittelschicht. "Was kann ich für euch tun?", fragt die Stimme von Xiao Ou. Im Showroom von Orvibo ist an diesem Vormittag eine Gruppe von Geschäftsmännern zu Besuch, die eifrig Notizen in ihre Tablets tippen – Vertreter von Immobilienkonzernen aus verschiedenen Teilen Chinas. In landesweit an die tausend Wohnkomplexen werden Orvibos Steuersysteme bereits standardmäßig in den Rohbau eingebaut. Wenn der Käufer einzieht, sind die meisten Geräte bereits vorinstalliert. Die Wohnung wird über einen Touchscreen mit Sprachfunktion gesteuert, nicht größer als ein Smartphone. Beim schlichten Design hätten seine Gestalter sich an der Ästhetik von Braun orientiert, so Wang. Nur mit der Stimme der Sprachassistentin ist er noch nicht zufrieden: Noch sei sie zu süßlich, zu weich. Xiao Ou soll nicht klingen wie die nette Mitbewohnerin, sondern wie die souveräne Hausdame, die alles im Griff hat.

"Xiao Ou, wir haben Gäste!" Auf diese Ansage hin erklingt jetzt Willkommensmusik, das Licht wird gedimmt oder in den Partymodus geschaltet. "Xiao Ou, spiel Hotline Bling von Drake" – klappt. "Xiao Ou, spiel die Ring-Ouvertüre von Richard Wagner!" – Wagner kann sie noch nicht. "Xiao Ou, es qualmt in der Küche!" – die Dunstabzugshaube schaltet auf Vollstufe. Weiter im Bad: "Xiao Ou, wie habe ich geschlafen?" Orvibo kooperiert mit Herstellern von Schlaftrackern und smarten Waagen. Per WLAN oder Bluetooth werden die Geräte mit einem interaktiven Spiegel verbunden. Während man sich die Zähne putzt, kann man im Spiegel die Schlafphasen der letzten Nacht, Blutdruckwerte, Gewicht, Wettervorhersage und Nachrichten lesen. Und wer dabei eine smarte Zahnbürste benutzt, dem verrät die Anzeige, wann es Zeit ist, den Bürstenkopf zu wechseln.

Auf "Xiao Ou, ich gehe jetzt zur Arbeit" soll die Sprachassistentin bald antworten können: "Soll ich schon mal den Aufzug und ein Taxi rufen?" In chinesischen Wohnanlagen leben oft Tausende Menschen unter einer zentralen Hausverwaltung. Auch die Strom- und Wasserrechnungen sollen an die Touchscreens in den Wohnungen geschickt werden. Dort erscheint dann ein QR-Code, den man in seine Bezahl-App auf dem Smartphone einscannen kann. Tausende Geräte, deren Informationen an einer Stelle zusammenlaufen. In den Ohren europäischer Datenschützer muss das nach blankem Horror klingen. Vorstellbar ist in China zudem, dass Staatssicherheit und Polizei an Informationen über Hausbewohner interessiert sein werden. Schließlich gibt es keine einfachere Möglichkeit, den Alltag der Bürger auszukundschaften. Bei Orvibo ist man sich bewusst, dass Kunden diese Fragen stellen werden – im Ausland jedenfalls. In Japan, Südkorea, Indien und Singapur ist die Firma bereits aktiv, bald will sie auch nach Europa expandieren. Ein Viertel aller Programmierer arbeite in der Abteilung für Datensicherheit, heißt es bei Orvibo. Alle Daten würden verschlüsselt in einer firmeneigenen Cloud gespeichert. Man wolle sich außerdem auch in China proaktiv an der EU-Datenschutz-Grundverordnung orientieren. "Der Ruf nach Privatsphäre ist auch bei uns nur eine Frage der Zeit", ist sich der Gründer Wang Xionghui sicher.

Bei Lei und Yang ist es noch nicht so weit. Wenn sie ein Kind bekommen und die Schwiegereltern einziehen, um das Baby zu hüten, möchte das Paar Bewegungsmelder anbringen. Dann könnte Lei auf dem Smart-Home-Bildschirm sehen, in welchem Zimmer sich die Schwiegermutter mit dem Baby gerade aufhält, und über den Deckenlautsprecher mit ihr sprechen. Bereits jetzt können sie und ihr Mann nachverfolgen, wann der andere die Wohnung betritt oder verlässt. Lei führt es auf dem Smartphone vor: Heute wurde um 7.52 Uhr zum ersten Mal die Tür geöffnet, das war ihr Mann auf dem Weg zum Bus. Um 8.03 Uhr folgte sie. 11.37 Uhr öffnete sich die Tür wieder – ihr Mann kam zur Mittagspause zurück. "Wir haben ja keine Geheimnisse voreinander", sagt Lei. Und dabei kann es auch bleiben, sind sich die beiden einig.

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