Uri Geller Über Willenskraft

© Ronen Zvulun/Reuters
Aus der Serie: Gesellschaftskritik ZEITmagazin Nr. 15/2019

Uri Geller, der Mentalist mit israelischer Staatsbürgerschaft und Wohnsitz in England, hat angekündigt, das endlose Kuddelmuddel der britischen Politik aufzulösen und den Brexit allein mit der Kraft seiner Gedanken zu verhindern. Das ist einerseits nett, wirft andererseits aber zwei Fragen auf: Wie genau will Geller, der in den Siebzigerjahren zwar als notorischer Löffelverbieger auffällig wurde, nicht aber als Weltproblemlöser, das hinbekommen? Und: Was ist eigentlich ein Mentalist?

Nun, Mentalisten sind Menschen, die sich paranormale Fähigkeiten zuschreiben und behaupten, sie könnten die physische Welt dadurch verändern, dass sie sich die Veränderung nur fest genug vorstellen. Verkehrsminister Andreas Scheuer etwa ist so ein Mensch. Er glaubt, er könne auf diese Weise CO₂-Emissionen reduzieren.

Beim Brexit soll das laut Geller wie folgt ablaufen: Jeden Morgen und jeden Abend, pünktlich um 11 und um 23 Uhr, sollen sich die Briten das Gesicht von Theresa May vorstellen. (Das ist keine besonders angenehme Aufgabe, aber es wird schon gehen, so wie man ja auch Zähne putzen kann, zweimal am Tag.) Geller leitet die dabei entstehende Energie gebündelt in den Kopf der Premierministerin. May wird daraufhin ein zweites Referendum verkünden, und die Briten werden Nein zum Brexit sagen. (Bei Redaktionsschluss sah es eher danach aus, dass nicht der Brexit verschwindet, sondern May.)

Uri Geller ist schon als Fünfjährigem aufgefallen, so hat er es erzählt, dass er zu den Auserwählten gehört, als er nämlich von einem Lichtblitz getroffen worden sei und sich danach beim Mittagessen der Löffel in seiner Hand verbogen habe. Seine Kräfte will er von Außerirdischen vom Planeten Hoova erhalten haben. An dieser Stelle sollte man erwähnen, dass manche Kritiker Mentalisten für Scharlatane halten. Wir gehören nicht zu ihnen. Wir vertrauen Uri Geller.

Denn: Bis zur letzten Sekunde daran glauben, dass das scheinbar Unmögliche noch eintritt und alles gut wird? Das ist kein Spleen. Das ist gute Tradition der deutschen Sozialdemokratie. Trotz mieser Umfragen noch am Wahltag fest davon ausgehen, dass man um 18 Uhr als Sieger ausgerufen wird, Genossinnen und Genossen sind darin geübt. Geller gehört nicht auf die Couch, er gehört in die SPD (was aber kein so großer Unterschied ist). Ohnehin ist die Suggestion eine große Triebkraft der Politik. Nur wenn Annegret Kramp-Karrenbauer sich jeden Tag aufs Neue einredet, sie könne Kanzlerin, hat sie Chancen, es zu werden. Dafür ist sie sogar bereit, sich so eindrucksvoll zu verbiegen wie Gellers Löffel.

Und wenn Uri Geller die Sache mit dem Brexit erledigt hat, wird er es vielleicht sogar hinkriegen, dass meine Töchter mal ihre Zimmer aufräumen.

Kommentare

63 Kommentare Seite 1 von 9 Kommentieren