Wohnlage "Warum wohnen wir nicht in Wannsee?"

© Aline Zalko
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Aus der Serie: Prüfers Töchter ZEITmagazin Nr. 15/2019

Meine Tochter möchte gerne umziehen. Sie sagt: "Papa, ich habe gehört, da sind noch Wohnungen frei!" Ich frage: "Wo denn?" – "Na, in Wannsee!" Dazu muss man sagen, dass Wannsee zum Stadtteil Zehlendorf gehört und in Berlin eine Lage ist, in die man gerne zieht, wenn man auch ein Boot hat, mit dem man über das gleichnamige Gewässer segeln kann. Ich habe kein Boot. Wir wohnen deswegen in Kreuzberg, in einem Viertel, wo man im Morgenmantel zum Bäcker schlurfen kann, ohne dass die Leute komisch gucken. Ich schlurfe natürlich nicht im Morgenmantel zum Bäcker. Aber ich finde es schön zu wissen, dass ich es jederzeit könnte. Brötchen sind mir wichtiger als Boote.

Im Grunde hat Greta den richtigen Riecher, Wannsee ist eine gute Lage, der Rapper Bushido wohnt hier, und auch einige Stars, die Greta gut findet, haben immer wieder mal zeitweise in Wannsee gewohnt: Angelina Jolie und Justin Bieber etwa. "Papa, warum wohnen wir nicht in Wannsee?" Ich frage sie, ob ihr denn unsere Wohnung nicht gefalle. Doch, meint Greta, die Wohnung sei schon super: "Aber diese Lage ..." Sie sagt den Satz gar nicht zu Ende, sondern lässt ihn bedeutungsvoll im Raum verhallen.

Diese Lage – ich dachte eigentlich, dass es eine super Lage ist, in der wir wohnen. Doch mit meiner Tochter komme ich da nicht überein. Dabei kennt Greta keine andere Lage. Als sie geboren wurde, waren wir gerade in die Wohnung gezogen, Kita, Schule, Freunde: Alles hat hier stattgefunden. Aber wenn wir mal einen Ausflug aufs Land machen oder Freunde besuchen, die in Vorstädten wohnen, wettert Greta immer wieder: "Guck mal, wie sauber das hier ist, keiner schmiert die Wände voll! Keine Scherben auf dem Boden!"

Ich verstehe das, obwohl es mir lieber wäre, dass mein Kind die gleiche Lage schätzt wie ich.

Ich möchte aber anmerken, dass man nirgends auf der Welt umsonst wohnt. Man kann nicht einfach mal eine Lage wählen und dann dahin ziehen, man muss es sich ja auch leisten können! Da schuftet man tagein und tagaus, um das Leben im Herzen der Hauptstadt zu finanzieren, und muss sich noch für den Müll auf den Straßen rechtfertigen.

Andererseits ist es auch ein hoher Anspruch, dass Kinder immer genau das gut finden sollen, was man selbst mag. Ich bin in einem Vorort aufgewachsen und meinte deswegen, das wahre Leben finde in der großen Stadt statt. Und dort sind wir nun. Greta ist in der großen Stadt geboren und ist der Meinung, das gute Leben spiele sich dort ab, wo Eichhörnchen in den Bäumen sitzen und keine Stadttauben. Ich hab mir dann mal angeguckt, was eine Wohnung in Wannsee kosten würde. Wenn man nicht in einer herrschaftlichen Villa mit Seeblick hausen wollte, könnte man wohl auch etwas finden. Aber was mache ich, wenn wir die Familie erfolgreich nach Zehlendorf evakuiert haben? Und es Greta dann auffällt, dass all die Kinos und die anderen Orte, an denen man seine Freunde treffen will, dort sind, wo sie früher einmal gewohnt hat?

Vielleicht ist meine Tochter auch einfach anders drauf als ich, und wir sollten uns da nicht in die Quere kommen. Ich werde einfach weiter auf Kreuzberg beharren. Wenn ein Kind das Lebensziel hat, einmal nach Wannsee zu ziehen, muss das ja nicht schlecht sein. Ich besuche sie dann dort und bringe ihr ihren Lieblings-Burger aus dem Kiez mit. Den gibt es garantiert nicht in Wannsee.

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