Youn Sun Nah "Als ich hörte, dass in Deutschland die Mauer gefallen war, bin ich sofort nach Berlin geflogen"

© René Fietzek
Aus der Serie: Ich habe einen Traum ZEITmagazin Nr. 15/2019

Ich bin überwiegend von meiner Großmutter mütterlicherseits aufgezogen worden. Meine Mutter war ein Musical-Star und meistens auf Tournee, hatte also wenig Zeit, sich um mich und meine Geschwister zu kümmern. So war meine Großmutter wie eine zweite Mutter für mich. Wir waren ziemlich wilde Kinder, aber sie ist immer freundlich geblieben, auch wenn sie manchmal sehr streng mit uns war. Meine Großmutter war allerdings vor allem streng gegen sich selbst. Für kulturelle Vergnügungen nahm sie sich keine Zeit. Wenn ich heute an meine Großmutter denke, bereue ich sehr, dass ich nie die Initiative ergriffen habe, etwas mit ihr zu unternehmen. Aber genau das hole ich in einem Traum nach, der mich seit einigen Jahren begleitet.

Da sitzen wir beide im Kino und schauen einen alten Schwarz-Weiß-Film an. Ich kann zwar nie das Gesicht meiner Großmutter erkennen, spüre aber ihre Gegenwart sehr intensiv. In diesen Träumen waren wir auch schon mal zusammen im Konzert, aber meistens sitzen wir im Kino. Das sind für mich sehr schöne und zugleich wehmütige Träume.

Meine Eltern haben beide hart und viel gearbeitet. Mein Vater war ein bekannter Chorleiter in Südkorea. Ich sehe ihn noch vor mir, wie er sich bis drei Uhr morgens über Notenblätter beugte. Die Eltern meines Vaters sind in den Fünfzigerjahren, zu Beginn des Koreakrieges, vom Norden in den Süden geflohen. Seitdem hat es zu diesem Teil unserer Familie keinen Kontakt mehr gegeben. Wir wissen nicht einmal, ob seine Angehörigen im Norden noch leben oder nicht. Ich vermute, dass ich dort Cousins und Cousinen habe, aber ich weiß es nicht.

In Südkorea ist eine tief sitzende Frustration Teil unseres Lebens: Wir haben zwar am Beispiel Deutschland erlebt, dass eine Wiedervereinigung klappen kann, aber wir haben nicht das Gefühl, dass es in Korea bald so weit sein könnte. Immer wenn es eine Annäherung zu geben scheint, geht doch noch irgendetwas schief. Aber natürlich hoffen wir alle darauf, dass sich das ändert.

Als ich davon hörte, dass in Deutschland die Mauer gefallen war, tourte ich gerade durch Europa. Ich bin dann sofort nach Berlin geflogen. Ich wollte das einfach erleben und meinen Großeltern berichten, wie sich eine Wiedervereinigung anfühlt. Aus Berlin rief ich meine Großeltern in Seoul an. Ich sagte: Großmutter, es ist unvorstellbar toll, ihr dürft euren Traum nicht aufgeben!

Leider leben meine Großeltern inzwischen nicht mehr. Damals habe ich ihnen ein Stück Mauer mitgebracht, damit sie weiterträumen können. Derzeit ist Nordkorea das einzige Land auf der Welt, das ich als Südkoreanerin nicht betreten darf. Dabei hat der Jazz mich schon in die entlegensten Ecken der Welt geführt. Irgendwann in Pjöngjang aufzutreten ist ein Traum, den ich gerne noch verwirklichen würde. Ich würde Arirang singen, ein Volkslied, das alle Koreaner mögen. Das ist ein Traum, der tatsächlich eines Tages wahr werden könnte – und ich wünsche mir, dass meine Eltern das noch erleben dürfen.

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