"Muss ich das wissen?"

© Aline Zalko
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Aus der Serie: Prüfers Töchter ZEITmagazin Nr. 16/2019

Neulich wollte ich mit meiner Tochter über den Brexit diskutieren. Lotta hatte zum Brexit keine Meinung. Ich fand das unangemessen. Man hört ja immer wieder, dass die Generation der Jüngeren von der Generation der Älteren die Zukunft versaut bekommt. In diesem Fall ist es meine Generation, die die EU an den Rand ihrer Existenz bringt, und Lotta gehört zu der Generation, die künftig nicht zum Studieren nach London gehen kann. Aber Lotta blieb locker und zuckte nur mit den Schultern. "Muss ich das wissen?", fragte sie und fügte gleich hinzu: "Keine Angst, Papa. Das Desinteresse ist nur eine Phase." Ich kann nicht sagen, dass Lotta ein wenig interessierter Mensch ist, sie hat sogar das Talent, sich tief in einen Sachverhalt einzuarbeiten. Es sind aber nicht diejenigen Sachverhalte, die ich selbst für entscheidend für die Zukunft halte. Zum Beispiel ist sie Expertin, was die Netflix-Serie Vampire Diaries betrifft. Die Serie handelt von einer Gesellschaft von Blutsaugern, die in der Jetztzeit leben. Es sind nicht nur Vampire unterwegs, sondern auch Werwölfe, Hexen und Magiere. Diese liegen nun alle im Clinch miteinander, sind auf vielerlei Weise durch die Jahrhunderte hinweg miteinander verwoben, und man muss sich schon als Stammbaumforscher betätigen, um dort durchzusteigen. Kein Problem für Lotta.

Ich wollte mit Lotta auch über das Klima diskutieren. Lotta sagte, dass man Plastiktüten vermeiden soll, um das Klima zu schonen. Da wurde ich fast ärgerlich: "Die Plastiktüten sind doch ein Problem für die Meerestiere, nicht für das Klima! Wie kommst du darauf!" Jetzt wurde auch Lotta ärgerlich: "Plastik ist ja wohl schlecht für das Klima!" Damit war die Diskussion beendet.

Was mache ich denn eigentlich für die Allgemeinbildung meiner Kinder? Meine Eltern etwa guckten jeden Abend Tagesschau. Ich guckte immer mit. Der Fernseher war der einzige Bildschirm in der Wohnung, da setzte man sich gerne dazu, wenn der mal lief – und meine Eltern konnten mich ja schlecht wegschicken. Ein paar Sachen habe ich aufgeschnappt: Helmut Kohl, Ozonloch, Waldsterben. Meiner Generation wurde die Zukunft verbaut.

Aber heute ist der Fernseher nur einer von vielen Bildschirmen in der Wohnung. Und nicht einmal ich gucke die Tagesschau. Wir lesen Tageszeitungen, aber von denen nehmen die Kinder meist nur Notiz, um daraus etwas auszuschneiden.

Einmal versuchte ich Lotta in ein Gespräch zu verwickeln über etwas Grundlegendes, die Plattentektonik. Und Lotta guckte mich an, als könne sie sich gar nichts Irrelevanteres vorstellen als das. Jugendliche haben eine so unnachahmlich selbstbewusste Art, Desinteresse auszudrücken, dass man sich sofort wie ein uncooler Idiot vorkommt, wenn man darauf beharrt, es sei irgendwie wichtig. "Papa, das interessiert doch wirklich niemanden." – "Das sind aber die Grundlagen, auf denen unsere Welt steht." – "Trotzdem langweilig!" – "Das ist Wissen, das du irgendwann einmal brauchen wirst." – "Dann finde ich bestimmt bei YouTube was darüber." – "Und wenn du dann gerade kein Handy in der Hand hast?" – "Wann hast du denn zum letzten Mal kein Handy in der Hand gehabt?" Da wusste ich auch nicht weiter. Bei der Gelegenheit sagte mir Lotta, dass sie sich über den Brexit informiert habe. Sie sei dagegen. Und ich musste zugeben, dass sie recht gehabt hatte: Plastikmüll im Meer heizt tatsächlich das Klima auf. Ich fragte sie, woher sie das gewusst habe. Lotta hatte bei YouTube ein Video darüber gesehen.

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