Katie Melua: "Nur wenige Leute im Westen haben eine Ahnung davon, wie gut es ihnen hier geht"

© Stini Röhrs
ZEITmagazin Nr. 16/2019

Als Kind in Georgien habe ich mir, wenn wir mal Strom hatten, mit Begeisterung amerikanische Filme angeschaut. Mein Lieblingsfilm war Alien, wegen der coolen Heldin Ripley, die sich nie einschüchtern lässt. So unabhängig und stark wie Ripley wollte ich als kleines Mädchen auch sein – allerdings lieber ohne die Aliens. In Georgien war es damals üblich, dass Mädchen früh heiraten und Hausfrau werden. Für mich war das unvorstellbar. Ich wollte stattdessen einen guten Schulabschluss und einen Job.

Die Neunzigerjahre waren in diesem kleinen Land eine turbulente Zeit, was sich auch im Schulbetrieb widerspiegelte. Im Winter blieb die Schule für zwei Monate geschlossen, weil das Heizen der Unterrichtsräume einfach zu teuer war. Ich war neun, als meine Eltern beschlossen, ein neues Leben in Großbritannien anzufangen, zunächst in Belfast. Für mich fühlte sich das damals an, als wäre ich von einem Schwarz-Weiß-Film in einen Farbfilm gewechselt. Nur wenige Leute, die im Westen geboren wurden, haben eine Ahnung davon, wie gut es ihnen hier geht.

Großbritannien war wie ein Lottogewinn für uns. Es gab keine leeren Läden, stattdessen Geschäfte, die üppig bestückt waren mit allem, was man sich in Georgien nur erträumen konnte. In der Schule hatten wir tolle Fächer wie Kunst und Theater, dazu Projektwochen über den Regenwald. Und im Winter wurde sogar geheizt. Belfast hatte natürlich seine eigenen Probleme, es gab während unserer Zeit dort große politische Schwierigkeiten, aber in dieser Stadt zur Schule zu gehen war für mich als Kind ein Traum.

Ein Teil meines Schulwegs war allerdings etwas verschlungen, er führte an zahlreichen Hecken vorbei, linksrum, rechtsrum, dann wieder linksrum und so weiter. Viele Jahre lang träumte ich immer wieder, dass ich spät dran bin, die Schule jeden Augenblick beginnt und ich mich zwischen all den Hecken hoffnungslos verlaufe. Das Gefühl, zu spät zu kommen, war furchtbar für mich. Ich befürchtete, das Vertrauen der Lehrer in mich zu enttäuschen und die Chance, die ich dort hatte, nicht angemessen zu nutzen. Dieser Albtraum sorgte immer wieder dafür, dass ich panisch aufwachte. In diesen Träumen habe ich die Schule daher auch nie erreicht. Seit ich als Musikerin erfolgreich bin, träume ich wie viele meiner Kollegen oft davon, die Konzertbühne nicht zu finden oder vor einer leeren Halle auftreten zu müssen.

Vor einiger Zeit hatte ich ein Erlebnis, das viele meiner Albträume harmlos erscheinen lässt: Da hatte ich nämlich eine Woche lang eine kleine Spinne im Ohr. Sie hatte vermutlich auf einem Kopfhörer gesessen, den ich mir während eines Langstreckenfluges ins Ohr gesteckt hatte. Eine Woche lang kribbelte es dann in meinem Ohr. Als ich zum Arzt ging, zeigte er mir auf einem großen Monitor, was da in meinem Ohr lebte. Mein Mann bekam allerdings einen größeren Schreck als ich. Und ich fühlte mich bei der Gelegenheit wieder einmal wie meine Heldin Ripley.

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